Gleichviel

Das richtige Mass, das ist in vielen Dingen das Mass aller Dinge. Schon der Naturarzt Parcelsus stellte im 16. Jahrhundert fest: Die Dosis macht das Gift.

Kürzlich waren wir bei Jon B. F. zu Gast, bald 80-jährig, Hotelier mit Leib und Seele. Bei einem Nachtessen in seiner ‚schwarzen Küche’ im Casa Chalavaina im Val Müstair meinte er: „Gleichviel kann auch zuviel sein.“

Sein Statement stand im Kontext des Energiebedarfs im Alter. Man kann auch weiter drüber nachdenken. Für eine Welt, die immer mehr will, schneller und dichter, die immer höhere Anforderungen stellt und nach Verantwortlichen sucht ohne verantwortlich zu sein, ist gleichviel zu wenig.

Sie haben in diesen Tag die Steuererklärung erhalten und müssen von Staates wegen Bilanz ziehen: Gleichviel, zu viel, zu wenig?

Schmelzen

Wem gehört der viele Schnee?

Ein Kinderbuch geht genau dieser Frage auf den Grund, als Parabel. Es fragt, welcher Gott ihn wohl gemacht habe und kommt zum Schluss: es ist unser aller Schnee. Und er macht gemeinsam Spass, stiftet Freude und Freundschaften.

Man kann die Frage des Eigentums am Schnee auch im Kontext von Arbeit sehen. Für Ärzte, Fahrplan-Planer, Polizisten, Hauswarte, Salzproduzenten, Autospengler, Bergführer ist er Erwerbsgrund. Für andere ist er lästiges und gefährliches Hindernis. Schnee als ökonomischer Faktor.

Ob Schnee etwas mit Neid zu tun haben könnte, weil die einen haben, was andere wollen bzw. umgekehrt? Oder eher mit Gerechtigkeitssinn, weil beim Nachbarn gepfadet wird und bei mir nicht?

Klar ist, der viele Schnee hat uns Zeit für Freude, Ärger und philosophische Gedanken, vor allem aber endlich ein neues nationales Gesprächsthema verschafft. Eigentlich sollte das andere Thema statt dem schönen Schnee schmelzen, Eigentumsfrage eingeschlossen.

Bald

Das Neue Jahr ist da, neue Chance, neues Glück! Ich wünsche Ihnen alles Gute, gute Gesundheit dazu.

Bei allem Optimismus und guten Vorsätzen: Persönlich sorge ich mich, dass viele gesellschaftliche und kulturelle Anlässe wegen Corona einschlafen könnten. Weil man sich ja dran gewöhnen könnte, dass es auch ohne geht. Ohne Weihnachtsgottesdienst. Ohne Familienfest. Ohne Silvesterparty. Ohne Hockeymatch. Ohne Kino. Ohne Theater. Ohne Unterhaltungsabend.

Ein weiterer Grund für meine Sorge: Organisatoren, die schon lange Nachwuchs gesucht hatten, könnten den Bettel hinwerfen. Die Gelegenheit scheint günstig, kein verletztes Ehrgefühl, wenn die Nachfolge nicht klappt.

In der Güterabwägung rund um Corona wird das kulturelle Zusammenleben 2021 einen neuen Stellenwert erhalten müssen. Dies unter dem Titel ‚friedenserhaltende Massnahme‘. Menschen in angeregter Umgebung zusammenbringen: nichts entspannt, befriedet mehr. Das brauchen wir wieder, bald.

Gehen

‚Sicherheit muss vorgehen!‘, titelt kürzlich eine Zeitung.

Vor mir gehen eine Frau und ein Mann gemächlich nebeneinander den schmalen Postweg hinauf. Ungewollt muss ich ihr halbspannendes Gespräch mitverfolgen, weil ich gen Bahnhof eilen will, aber nicht überholen kann, ohne Anstandsregeln zu verletzen.

Und weil ich so ungewohnt langsam gehen muss, stolpere ich zu allem Elend noch die Treppe hinauf. Mit der Folge, dass sich beide umdrehen und rührend von oben auf mich herabschauen: „Haben Sie sich verletzt?“

Sie kennen diese Gefühl des Aufgehaltenwerdens. Das staut, auch den Ärger.

Als ich später kurz über diese Begebenheit nachdenke, kommt mir Johann Wolfgang von Goethes Satz in den Sinn: „Wer sichere Schritte tun will, muss sie langsam tun!“

Langsam gehen ist nicht immer einfach.

Zitat

„Damals, am Anlass X vor fünf Jahren haben Sie Y gesagt!“ Ups, innerlich zucken die Schultern. Keine Ahnung. 

Sie kennen das Gefühl, wenn man selbst nach Jahren wortgetreu zitiert wird. Selbst muss man im Gedächtnis kramen. Manchmal kann man noch Erinnerungsfetzen zusammenbüezen, oft nicht einmal das.

Wortgetreu zitiert werden beeindruckt, kann deshalb etwas stressen, ist aber kein Problem. Auch wenn man seine Aussagen nicht mehr wörtlich wiedergeben kann, kennt man seine innere Haltung zu gewissen Themen und kann damit auch die Plausibilität eines fremden Zitats abschätzen.

Zitiert werden ist unter einem anderen Gesichtspunkt wertvoll. Es gibt einem Hinweise, ob man seine Meinung geändert hat. Oder ändern müsste.

Zitieren Sie?

Dank

«Bisch im Stress?» fragt mich Renata O., unsere Mitarbeiterin, derweil ich mit beiden Händen die Tischplatte kräftig umfasse und der Kaffeemaschine Beine machen will. Ganz verbergen lässt sich die Anspannung offenbar nicht. Dass uns Corona früher oder später auch noch beschäftigen wird, war anzunehmen. Bei aller sachlichen und emotionalen Vorbereitung ists dann doch schwierig, wenns soweit ist.

Die Teams im Seniorenzentrum sind aktuell besonders gefordert und machen, wie von verschiedene Seite, auch vom Kantonsarztamt bestätigt wird, einen guten Job. Mehr noch, sie engagieren sich mit Herz für «ihre» Bewohnenden. Und da ist es schwierig, wenn man nicht so kann, wie man gern würde. Als Präsident der Heimkommission hat man naturgemäss Distanz. Um so dankbarer bin ich, dass das Räderwerk gut funktioniert. Alle tun, was ihnen möglich ist.

In solch ausserordentlichen Situationen ist nicht alles möglich, gibt es unschöne Einschränkungen, aus dem persönlichen Blick auch Unverständliches. Es gibt Zwänge und oft nur die Wahl des kleineren Übels.

Ich danke allen, die so engagiert arbeiten. Und allen, die arbeiten lassen.

Hinten

Ich lese im Entwurf eines Berichts, kommentiere ihn beim Lesen elektronisch und stelle fest: das wäre auch noch zu sagen. Und jenes fehlt noch, gopf. Dieser Gedanke müsste doch am Anfang stehen.


Um dann festzustellen, dass fast alles noch kommt, einfach weiter hinten. Es kann eben nicht alles vorne stehen.


Derzeit hat der Kanton einen über 80-seitigen Bericht zum Thema ‚Frühe Förderung‘ – vor dem Kindergarten – in Vernehmlassung gegeben. Schon im Bericht spürt man die ächzende Last, dass der Verfasser eben viel zu wenig Zeit gehabt habe, um das alles richtig aufzuarbeiten, wo es so wichtig wäre. Und den Gemeinden schwant schon, dass als Ausfluss dieses Berichts ein gerüttelt Mass an neuen Aufgaben kommen könnte. Schliesslich sollen unsere Kinder qualitativ hochstehend früh gefördert werden.


Das Muster ‚alles muss nach vorne‘ erkenne ich leider bei mir, aber auch im Thema ‚Frühe Förderung‘. Allerdings: Noch jüngere Kinder als die 0 bis 4 jährigen haben wir dann nicht mehr. Dann gibts nur noch Mozart für den Mutterbauch. Oder Genmanipulation.


Wir sollten dem Platz hinten mehr Bedeutung geben.

Warnung

5:51 Uhr, eine Warnung per WhatsApp: „Vor dem Rosenberg-Tunnel steht ein Blitzkasten!“ Aus dem Familien-, Freundes- und Arbeitskreis gibt es gelegentlich solche Warnhinweise. Nett gemeint, schliesslich ärgern Bussen.


Nicht nur das Umfeld warnt, auch die Polizei tuts. Sie publiziert aktuell, wo die semistationären Blitzkästen stehen.


Später am Tag fährt man gedankenverloren auf besagter Autobahn und zack, ein Blitzlicht und der ebenso schnelle Blick auf den Tacho: 88 km/h – kostet wohl 40 CHF. Fast gleichzeitig: „Gopf, das hätte ich wissen müssen!“


Früher konnte man sich hemmungslos über die Polizei ärgern, auf staatliches Raubrittertum schimpfen und sich dem Glauben hingeben, dass die Polizei überhöhte Budgetvorgaben zu erfüllen habe.


Das geht nicht mehr. Warnungen nehmen einem die Möglichkeit, auf Dritte hässig zu sein. Man muss sich selbst an der Nase nehmen.


Sie seien vor der Wirkung von Warnungen gewarnt.

Tor

Erasmus von Rotterdam schrieb ein lesenswertes Büchlein ‚Lob der Torheit‘. Als Geistlicher des Mittelalters hatte er die Inquisition zu fürchten. Seine gesellschaftskritischen Bemerkungen legte er deshalb einem Tor in den Mund, wendete also ein Prinzip an, das auch Hofnarren gern nutzten.

Angenommen, jemand wäre Verschwörungstheorien zugeneigt. Solche sind ja modern, aber nicht neu. Dann könnte er oder sie bei Erasmus von Rotterdam abschauen. Mit dem Vorteil, dass der Humor nicht verloren ginge.

Marke

Vorab: herzlichen Dank, geschätzte Stimmbürgerinnen und Stimmbürger, fürs Vertrauen. Wahlen sind immer ein Moment mit Anspannung und grossen Unbekannten.

Man kanns es nicht Allen recht machen. Zusammen mit dem Gemeinderat versuche ich, es für viele Menschen möglichst gut zu machen.

Damit das gelingen kann, brauchts Leute in der Verwaltung, in der Infrastruktur, drinnen, draussen. Auch ihnen gehört mein Dank. Ohne die fähige Menschen im Hintergrund kann man nicht vorne stehen und Ziele verfolgen. Man kann auch nicht gleichzeitig ernsthaft mit allzuvielen Menschen kommunizieren. Auch drum brauchts viele tragfähige Schultern.

„Marke ist, was man hinter Ihrem Rücken über Sie erzählt!“ Ich freue mich, wenn Sie mir etwas davon erzählen. Auf dass wir die ‚Marke Uzwil‘ auch in den nächsten 4 Jahren weiter voran bringen.