Tag

Die Erde dreht sich in 23 Stunden, 56 Minuten und 4,1 Sekunden einmal um die eigene Achse – so definiert sich ein Tag astronomisch grob. Ein Tag ist jedoch nicht nur Zeit-, sondern auch Lebenseinheit. Wohl deswegen gibt es so viele Zitate, die sich mit dem Tag befassen. Sie reichen von der Aufforderung ihn zu nutzen oder neu anzufangen, über das Glück bis zur Nacht als Gegensatz.

Für mich Neues zum Tag habe ich in einem Gespräch mit P. A., Uzwiler Biolandwirt der ersten Stunde, erfahren. Er beschrieb mir eindrücklich, was ein Tag für Pflanzen ist und was das für einen Landwirt bedeuten kann. In Sachen Wachstum und Entwicklung könne ein Tag im August einer ganzen Woche im September entsprechen.

Im August arbeitet die Gemeinde am Budget fürs nächste Jahr – wir brauchen noch ein paar gute Tage. Und die wünsche ich Ihnen auch.

Timing

Ist es klug, im Sommer über die Sanierung einer Eishalle abzustimmen? Wo doch der 1. August knapp an einem Hitzerekord vorbeigeschrammt ist? Ich finde schon. Die Fakten sind zu jeder Jahreszeit dieselben. Der nächste Winter kommt bestimmt. Es gibt sonst genug taktisches Polit-Geplänkel. Da werden aufgrund der Grosswetterlage Entscheide aufgeschoben, etwa über Spitäler weil Kantonsrats- und Regierungswahlen anstehen, deswegen vertagt das nationale Parlament Rentenreformen und Energiepolitik.

Nicht, dass in Uzwil immer alles „on time“ wäre. Das Parkplatzregime sollte angepackt werden, auch die Reform der Grüngutabfuhr ist noch nicht parat. Der Themen wäre noch mehr, die wir nicht mehr vor den Gemeindewahlen im September schaffen werden.

Die Abstimmung über die Sanierung der Eishalle hingegen ist reif. Wer sich für die Fakten interessiert und nicht nur die Abstimmungsbotschaft lesen will: am Dienstag, 11. August 2020 können Sie sich zwischen 19 und 21 Uhr im Foyer des Gemeindehauses informieren. Ein Timing-Tipp: der grosse Ansturm ist erfahrungsgemäss am Anfang.

Dankbarkeit

Im vorletzten Geschäftsbericht haben wir ein mystisches Bild des Brübacher Wasserfalls abgedruckt. Und jetzt sind da zwei junge Menschen ums Leben gekommen. Das macht mich betroffen, ich denke an die Angehörigen.

Schönes Bild des tosenden Wassers hin oder her: Es darf davon ausgegangen werden, dass die jungen Menschen um die Gefahren wussten, das Risiko abschätzten und es für beherrschbar hielten.

Das führt mich zum Gedanken: Wie oft hat man selbst schon solche Abschätzungen gemacht? Und hatte einfach Glück, dass der Stein am Wanderweg hielt, der Pneu gerade noch Haftung hatte, eben kein Schneebrett abging.

Wie stets sind da die Besserwisser, die noch nie nur Glück hatten. Deren Welt braucht Verantwortliche, drum gern auch lückenlos sichtbare Schilder.

Ich halte Dankbarkeit für die bessere Alternative. Dankbarkeit für die Zeit, die gemeinsame Zeit, auch für die rettende Sekunde, den rettenden halben Meter – heute und morgen.

Verstand

Der «Arbeitsvorrat» der Bauverwaltung ist aktuell mehr als 20 000 Arbeitsstunden, zusätzlich zur normalen Arbeit! 2 Personen hätten mehr als 5 Jahre, um den Berg abzutragen. Wäre die Gemeinde ein privates Unternehmen, wäre so ein Vorrat komfortabel.

Projekte des Bereichs Bau müssen deshalb priorisiert werden, angefangen von Hochwasserschutzmassnahmen, Siedlungsentwässerung über den Strassenbau, Quartierentwicklung, Zonenplanung bis zur Abfallentsorgung. Vieles ist höchste Priorität A, ist gesetzlich vorgeschrieben, ein Anliegen aus der Bürgerschaft oder eine Folge von privaten Investitionen. Was also tun, wenn die Ressourcen beschränkt sind und alles höchste Priorität A hat? Ganz einfach: Man stellt weitere Kriterien auf, wendet den gesunden Menschenverstand an und unterteilt die A-Prioritäten in A1, A2, A3 usw.

Allerdings: Kennen Sie jemanden, der von sich nicht vermutet, «den» gesunden Menschenverstand zu haben?

Geruch

Den richtigen Riecher haben, das wird guten Sportlern zugeschrieben, die zu richtigen Zeit am richtigen Ort sind. Oder Menschen mit gutem Geschäftssinn. Dabei ist der Prozess des Riechens alles andere als modern. Gerüche werden im ältesten Teil des Gehirns verarbeitet. Im Gegensatz zu allen anderen Sinneseindrücken gelangen die Geruchsinformationen von der Nase direkt zur Hirnrinde, ohne zuvor im Thalamus, dem Tor zum Bewusstsein, umgeschaltet worden zu sein.

Das bedeutet, dass wir Gerüchen ausgeliefert sind. Sie wirken, ohne dass wir es wissen. Deshalb sollten wir mehr darüber wissen: „Mir stinkts!“ ist etwas anderes als „es stinkt!“.

Quelle

Sich an der Quelle informieren – ein schöner Grundsatz. Noch nie schien das so einfach – Internet sei Dank. Vielleicht war es auch noch nie so nötig?

Früher schlummerte das Wissen in Büchern, war schwer zugänglich. Es brauchte einen Index mit Schlagwörtern. Man suchte nach Datum. Finden war Arbeit und auch etwas Glücksache. Heute ist viel Wissen online, in der Breite und in der Tiefe, leicht und sofort abrufbar. Ob sich damit etwas geändert hat? Wenn man im Internet nach dem besten Weg zur Quelle sucht, stösst man schnell auf die Frage nach dem Sinn, dem Sinn des Lebens.

Es scheint, dass Menschen, bewusst oder unbewusst, Informationen nicht abfragen, Quellen nicht nutzen, weil sie dann zu einem anderen Schluss kommen müssten.

Wer zählt nach Ihrer Meinung zu den «besonders gefährdeten Arten»?

Eintreten

Arena, ein Synonym für politische Diskussionen. Die Arena gibt als Format im Schweizer Fernsehen, aber auch im ganz normalen Alltag. Ein Ringen um Meinungen, um Standpunkte, ein verbaler Schlagabtausch. Aus Ärger über Missstände werden gern extreme Standpunkte vertreten. Auch weil man denkt, dass sich sonst nichts ändere?

Kürzlich hörte ich in einem Referat eines Bundesparlamentariers eine interessante Aussage: «Im Bundeshaus gibt es etwa 25 Parlamentarier, denen man zuhört. Es sind besonnene Menschen, breit denkende, wohl auch drum, weil sie davon ausgehen müssen, dass das eintreten könnte, was sie sagen.» Im Umkehrschluss: Alle anderen können deshalb und nur deshalb extreme Positionen vertreten, weil sie sich sicher sind, dass das, was sie sagen, nie so eintreten wird.

Auf dass wir alle zu den 25 gehören.

Vorher

Erinnern Sie sich, wie das war, als Sie telefonieren lernen mussten? So ein Stress. In der Kindheit war es ein Graus, den Hörer abzunehmen: Wer könnte am Draht sein? Was muss ich sagen? Entspannung gabs erst mit dem längeren Kabel und damit mehr Privatheit. Und dann die ersten Gehversuche im beruflichen Kontext. Auch das der blanke Horror. Verzweifelt versuchen, den Namen richtig zu verstehen und wenigstens die Rückruf-Nummer aufzuschreiben.

Ein Kollege, ein Architekt, erzählte mir, dass sein Unternehmen die Webseite erneuert habe. Da habe man analysiert, welche Informationen am meisten nachgefragt würden. Zu seinem Erstaunen waren das nicht die sorgfältig aufbereiteten Projekt-Informationen mit den tollen Architektur-Fotos. Nein, die Köpfe und die Telefon Nummer der Mitarbeitenden sind am meisten nachgefragt. Ein Indiz, dass Telefonieren immer noch schwer fällt – man will sehen, mit wem mans zu tun hat.

Offenbar kommt das Bild vor dem Ton. Wissen Sie, was man von Ihnen sieht, bevor man Sie anruft?

Markiert

Zu Fuss auf dem Weg zum Bahnhof. Auf halber Strecke begegne ich B. R., einem Einwohner im besten Alter. Mit dem Putzlappen steht er vor einem Spiegel, einem Verkehrsspiegel. Der ist versprayt. Ein Fussball-Fan hat seine Spuren hinterlassen. Wir reden ein paar Worte. Mich beeindruckt die Gelassenheit, mit der B.R. sich anschickt, den Verkehrsspiegel zu putzen – es ist ja nicht seiner, sondern ein öffentlicher.

Markieren, Zeichen hinterlassen, das kennt man aus der Tierwelt, etwa von Hunden. Sie stecken damit ihr Revier ab. Die Absichten von Menschen, die ihre „Tags“ sprayen, überall Abziehbilder aufkleben, sind wohl ähnlich zu deuten. Ob diese ‚Akteure’ sich bewusst sind, dass sie auf das Niveau von Vierbeinern gestellt werden könnten, sich tierisch verhalten?

Wer also Markierungen entfernt, nimmt nicht nur den Mannen vom Werkhof Arbeit ab, sondern macht tierisches menschlich – B.R. und allen Nachahmern ein doppeltes Dankeschön!

Antworten

„Das funktioniert nicht, das haben wir früher schon einmal versucht!“ Mit diesem Satz wird oft die Motivation von Menschen gekillt, die von einer Idee beseelt sind. Und in der Tat ist es wohl schwierig, eine ganz neue Idee zu haben, die noch niemand je zuvor versucht hatte.

Und weshalb lohnt es sich trotzdem, es nochmals zu versuchen? Ob etwas gelingt oder nicht, hängt oft auch von den Umständen ab, ist nicht nur das Verdienst des Einzelnen. Wer hätte vor wenigen Monaten Videounterricht in der Volksschule für möglich gehalten? Oder wer hätte geglaubt, dass digitale Plattformen für freiwillige Hilfe so gut funktionieren?

Die Umstände ändern – das machts spannend, gibt neue Chancen. Albert Einstein wurde einmal von einem Assistenten darauf aufmerksam gemacht, dass die Prüfung dieselben Fragen wie im Vorjahr enthielten. „Macht nichts“, sagte er, „die Antworten haben geändert!“