Weg

Der Weg ist das Ziel – dieser Satz schien mir doch ziemlich abgedroschen. Weil er inflationär verwendet wird und weil es ja gar keine andere Möglichkeit gibt, als den Weg zum Ziel zu erklären, weder für Zielstrebige noch für Menschen, die sich treiben lassen. Vom Weg abkommen, weg vom Weg also, diese Möglichkeit stünde auch noch offen, allerdings nicht für jene, die den Weg zum Ziel erklären.

Zuviel der Philosophie? Weg von der Realität?

Der Weg zum neuen Werkhof führt weg vom alten und setzt Philosophie ganz praktisch um, jene der kurzen Wege. Ziel erreicht.

Glocke

Post vom Gesundheitsdepartement: Im Rahmen einer grossen Aktion solle ich als Gemeindepräsident namens der Öffentlichkeit allen Menschen danken, die Angehörige, Bekannte oder Nachbarn betreuen und pflegen – der 30. Oktober sei der Tag der Pflegenden.

Diesen Dank richte ich immer wieder gern aus. Und aus Überzeugung. Aber auf welchem Weg?

Beim kürzlichen Besuch bei A. E., eine bereichernde Begegnung übrigens, bekomme ich mit, wie Nachbarin M.P. Lebensmittel bringt, zusammen mit Medikamenten und den neusten Instruktionen der Apothekerin. Eine wertvoll-existentielle Hilfe, die das zu Hause leben ermöglicht. M. P. tat das unaufgeregt, mit jener Form der Selbstverständlichkeit, die Menschen eigen ist, die ihre Hilfe nicht an die grosse Glocke hängen.

Eine grosse Glocke gabs noch auf mittelalterlichen Ratshäusern. Wir haben keine. Dieses stilles Dankeschön dürfte besser zu den Menschen passen, die nicht alles an die grosse Glocke gehängt haben wollen.

Nase

Phänotypisierung, so nennt man das Verfahren, mit dem man im Strafverfahren Täterprofile aus der DNA des Menschen herauslesen will, also mehr als nur den genetischen Fingerabdruck. Man denkt aktuell im Bundesparlament an Augen-, Haar- und Hautfarbe, biogeografische Herkunft, Alter, Verwandtschaft, im Einzelfall auch mehr wie psychische Merkmale.

Noch vor 20 Jahren hätten sich jedem Staatsrechtler, jeder Strafrechtlerin ob solcher Ideen die Nackenhaare gesträubt. Weshalb? Im Kriminalmuseum St.Gallen ist ausgestellt, wie man vor mehr als 100 Jahren versuchte, an physiognomischen Merkmalen Täter zu erkennen: Hakennase bedeutet X, Stubsnase Y, ein langes Ohrläppchen Z usw. und wie das Ergebnis war.

Nun, die Zeiten haben sich geändert. Der moderne Mensch stellt persönlichste Informationen, sogar auswertbare Körpersekrete, die eigentlich nur mit gerichtlicher Anordnung und bei schwersten Delikten erhoben werden dürfen, überall freiwillig zur Verfügung. Man hat ja nichts zu verbergen und die Gesellschaft gewinnt.

Was sagt Ihnen Ihre Nase?

Verbrechen

Es gibt Worte, die ziehen automatisch Aufmerksamkeit auf sich, so auch das Wort „Verbrechen“. Beweis: Die Polizei-News mit Unfällen und Verbrechen gehören zu den nachgefragtesten Informationen. Sie scheinen wichtiger als bahnbrechende Erfindungen, Verhandlungen oder Leistungen, bedeutender als gesellschaftliche oder kulturelle Ereignisse.

Was macht denn Verbrechen, Verstösse gegen Gesetz und gute Sitten, so spannend, dass man die Hände über dem Kopf zusammenschlagen kann, jesses?

Wahrscheinlich liegt der Grund darin, dass das Verbrechen sehr selten ist und gerade deshalb so grosse Aufmerksamkeit bekommt. Was ja im Umkehrschluss nichts anderes heisst als dass das Positive, das Wertschätzende, Nützliche, Liebevolle, Sorgsame ganz gewöhnlich sein müssen. Weil Alltag, erkennen wir dies wohl selten. Das ist sozusagen auch ein „Verbrechen“.

PS: Unsere Medien berichteten kürzlich, dass in New York ausnahmsweise ein lang Tag kein Verbrechen bekannt wurde.

Stolz

Wie immer, wenn der Gemeinderat eines der 7 Uzwiler Dörfer besucht, nimmt das Thema Verkehr viel Raum ein. So auch im Stolzenberg. Und oft schliessen sich Anliegen gegenseitig aus wie breitere Strassen und trotzdem tiefere Geschwindigkeiten. Wer sich selbst und sein Verkehrsverhalten reflektiert, weiss dass, auch dass eine Tempo-Tafel allein wenig nützt. Der Mensch schätzt die Umgebung ein und wählt dann die für ihn ‚zulässige‘ Geschwindigkeit. Sei es auf dem Bike über Wurzeln im Wald, mit den Skis im Steilhang oder eben mit dem Auto durch den Stolzenberg.

Und wie so oft setzen sich Menschen für andere ein, mit guter Absicht, auch mit ihrer Lebenserfahrung. Dass sich Grosseltern um Enkel sorgen, ist richtig und gehört zum menschlichen Reifeprozess. So auch W.S., er fragt den Gemeindepräsidenten vor versammeltem Dorf pathetisch: „Und die arme Chind, wie gönd denn die i d‘Schuel?“ Worauf S. G., ein 9-jähriges Stolzenbergler Mädchen die Sache subito klärt: „Mir gönd z‘Fuess oder mit em Velo!“

Hallimasch

Er ist das grösste Lebenwesen auf Erden! Der Hallimasch, ein Pilz der Rindenschwämme. Im Schweizer Nationalpark am Ofenpass ist das grösste Exemplar über 1 000 Jahre alt und 500 m breit und 800 m lang, also 400 000 m2 gross. Hallimasche haben eine besondere Fähigkeit, sie leuchten in der Nacht, haben eine Biolumineszenz. Sie befallen Bäume nicht nur, sie sind auch deren Kommunikationsnetzwerk. Über die Pilze reden Bäume miteinander und betreiben einen Nährstoff-Highway, transportieren Enzyme und Hormone.

Wenn man sich ins Thema Pilz vertieft, tun sich viele Türen auf: von Drogen-Pilzen wie in Martin Suter‘s Roman die „Dunkle Seite des Mondes“, über die medizinische Wirkung bei Hildegard von Bingen bis zu den Sammelvorschriften in der Gesetzessammlung.

Und gewisse Dinge haben Pilz und Mensch gemeinsam: teils zum verwechseln ähnlich, im Gemeinschaft lebend, oft zwischen köstlich und ungeniessbar, manchmal giftig.

Erdung

Seit Jahrzehnten liest sich in Gemeinde- und Vereinschroniken wie schwierig es sei, aktive Mitglieder zu finden. Solche, die anpacken. Solche, die sich engagieren und nicht zuerst nach Geld fragen.

Etwas fällt mir allerdings auf. In diesen Lamenti wird selten davon gesprochen, was einem ein Engagement in Verein, Gruppierung, Kirche oder Gemeinde geben kann. Die Freude, gemeinsam an einem Ergebnis, einem Projekt, einem Anlass zu arbeiten, ist unbezahlbar. Gemeinsam das Risiko des Scheitern schultern und spüren, wie gerade schwierige Umstände, ja sogar schlechtes Wetter zusammenschweissen können. Mit Menschen auskommen, die man auf den ersten Blick vielleicht nicht so sympatisch findet, auf den zweiten Blick schätzt. Auch die Sinnfrage des Tuns stellt sich in der Regel weniger.

Der wichtigste Vorteil eines gemeinnützigen Engagement: es verbindet und erdet.

Wie wichtig die Erdung ist, zeigt sich am Beispiel einer Steckdose, dem grün-gelben Kabel! Sie schützt vor Kurzschluss. Auf dass die Energie kann richtig und sicher fliesst.

5 statt 7

7 cm, so breit ist eine Textspalte des Uzwiler Blatts. Zufall? Nein, denn diese Zeilenbreite kann das menschliche Auge mit etwas Übung auf einen Blick erfassen. Also nicht wie in der Schule gelernt, Buchstabe um Buchstabe, Wort für Wort lesen, sondern eine ganze Zeile auf einmal.

Versuchen Sie‘s: den Blick auf die Mitte einer Zeile richten und ohne Augenbewegung die ganze Zeile ‚erfassen‘. Als kleiner Trick kann helfen, dass Sie gedanklich wie durchs Papier hindurchsehen und so den Bereich, den Sie erfassen, vergrössern. Lesen Sie dann senkrecht Zeile um Zeile nach unten in die Tiefe.

So geht Schnell-Lesen, neudeutsch Speedreading – und Sie haben das Uzwiler Blatt im Schwick erfasst.

Soviel zum Thema, inwiefern Breite das Lesen begünstigt. Ob die inhaltliche Tiefe auch vorhanden ist? Damit Sie das jeweils schnell herausfinden, hat die Kolumne nur 5 cm.

Einig

Wenn wir uns einig sind, dass jede Information a) inhaltlich falsch ist, b) zum falschen Zeitpunkt kommt und c) die falschen Menschen erreicht, gehts uns recht gut.

Die Erwartung unserer Zeit, ist eine ganz andere: man hat mich zu orientieren, und zwar genau mich, persönlich angesprochen, nicht mit der Allgemeinheit. Und bitte nur mit Dingen, die mich interessieren. Alles andere bitte weglassen. Nicht irgendwann, sondern ganz genau dann, wenn ich die Information brauche.

Es ist schon richtig. Soviel Zeit hätte es ja nicht gebraucht, schnell ein Mail zu schreiben oder sonst auf einem der zahllosen Kanäle eine persönliche Nachricht zu hinterlassen. Auch der Griff zum Hörer wäre doch keine Sache.

Es ist die Summe all dessen, was wir kommunizieren sollten, die heute plagt. Und wenn wir uns darüber nicht einig wären, dann wohl über den Umstand, dass wir nicht alle Informationen verarbeiten können wollen.

Sehen

Der Mensch hat ein beschränktes Gesichtsfeld. Er sieht seitlich einen Bereich von rund 214°, knapp 70° nach oben und etwa 80° nach unten. Scharf sehen wir allerdings nur grad in einem Bereich von 2°. Ein Auge hat, fotografisch gesprochen, eine Brennweite von etwa 20 mm, funktioniert dennoch ganz anders als ein Fotoapparat. Seine Auflösung wird von 7 Mio Zapfen und 125 Mio Stäbchen bestimmt. Was wir sehen, hängt nicht nur vom Auge und den optischen Gesetzen ab, sondern massgeblich von unserer Hirnleistung: Wir sehen, was wir wissen.

Wann ist ein Bild interessant? Immer dann, wenn wir etwas sehen, das wir noch nicht wussten. Weil das Objekt aus einem Blickwinkel aufgenommen ist, der uns nicht vertraut ist, wie Drohnenaufnahmen. Oder weil das Objekt so unbekannt und deshalb Aufmerksamkeit erheischt.

Fotograf Peter Dotzauer sel. hat Uzwil interessante Bilder geschenkt, aus unbekannten Sichtwinkeln, spannenden Perspektiven. Er hat den Alltag, die Umwelt und die Menschen hier anders gezeigt, als wir sie kannten. Was ich von ihm lerne: Neu sehen gehört zu den täglichen Aufgaben, jetzt auch zum Abschied.