Vorwort

Weshalb heisst Vorwort wohl Vorwort? Weil es vor dem Wort steht, vor dem Wesentlichen? Im Gegensatz zum Grusswort, das einen klaren Auftrag hat, grüssen.

Heute morgen habe ich das Vorwort zum Geschäftsbericht 2025 geschrieben. Ob sich das überhaupt lohnt, liest das jemand? Nun, in einem Meer von Texten und Zahlen eine Brücke zu Ihnen zu bauen, dürfte sich immer lohnen.

Der Auftrag, ein Vorwort zu schreiben, sitzt zwar im Nacken, der Abgabetermin drängt. Er zwingt einen aber auch präziser hinzuschauen, sich zu fragen, was interessieren könnte und was die eigene Botschaft ist.

In einem halben Jahr werden wir zurückschauen, nach der Rechnung folgt der Budgetbericht mit einem neuen Vorwort. Wird dann aus dem Vorwort ein Nachwort?

In jedem Fall haben Sie, geschätzte Bürgerinnen und Bürger, das letzte Wort.

Schwupps

Mein Rennvelo steht im Keller, auf einer Rolle, vor einem Bildschirm. So kann ich bei Mathe-Vorlesungen von Prof. Dr. Edmund Weitz schwitzen, jüngst zum Thema Wahrheit.

Weitz legt die Entwicklung der Wahrheit mit Konzepten, algebraischen Zeichenketten, logischen Folgerungen, Selbstbezügen und Beweisen fundiert aus. Mathematiker von Weltrang haben in den letzten 2 500 Jahren mit ihren Beiträgen unsere Weltsicht geprägt.

Die Vorlesung überfordert mich zeitweise, wie der Rollentrainer, wenn er mehr als 10 % Steigung simuliert. Ebenfalls überfordert mich, wenn im Internet auf sozialen Medien Posts und Kommentare auftauchen, die, schwupps, verschwinden, wenn sie mit echten Tatsachen konfrontiert werden. was ist das – delete, und weg? Ein solches Konzept kommt in Weitz‘ Vorlesung nicht vor. Dafür die Aussage, dass mathematische Konzepte schon wahr waren, bevor wir sie überhaupt kannten.

Auf dem Boden sammeln sich Schweisstropfen, ich rolle aus. Dass Uzwil in den letzten 10 Jahren 92 Projekte 11 % unter KV abgeschlossen hat, kann man ohne Mathe-Studium auf Wahrheit überprüfen, ohne dass sie, schwupps, verschwindet. Fertig trainiert.

98 Prozent

Stehe im Grossverteiler in der Abteilung Waschmittel. Vom guten alten Spülmittel bis zum Breitband-Reiniger, alle stehen in Reih und Glied und warten drauf, gekauft zu werden. Auf den meisten Packungen steht: „innert 14 Tagen zu 98 % biologisch abbaubar“. Und meist wird auf einen OECD-Test verwiesen.

98 %? Das bedeutet auch, dass 2 % nicht abbaubar sind. Ist das viel?

Rechnen wir: Uzwil hat 14 457 Einwohner, ein Haushalt besteht aus etwas mehr als 2 Personen, sind 6 500 Haushalte. Fast überall hats einen Geschirrspüler, der alle 2 bis 3 Tage läuft. Ein Tab für den Spüler hat 20 g, 2 % sind 0,4 g. Und so kommt man drauf, dass übers Jahr gegen eine Tonne Geschirrspülmittel aus Uzwil nicht abgebaut wird.

In verwandtem Kontext lese kürzlich: Mit technologischem Fortschritt werde man Probleme dieser Art schon beheben, so die erste These. Eine zweite ist, dass wir zu genau und zu viel messen und der Staat drum zuviel vorschreibe. Und die dritte These ist, dass unsere Lebenserwartung lang genug sei und der Gewässerschutz drum ausreiche. Folgerung: weniger oder nichts tun, jedenfalls nicht so.

Eine zu 98 % reine Weste ist nicht schlecht. Es bleibt die Frage, was die 2 % sind.

Deal

Sitze im Park vorm Leonhard-Schulhaus in St.Gallen an der Frühlingssonne. In 15 Minuten ist Sitzung beim Kanton. Auf dem Kiesplatz herrscht buntes Treiben, aus Beeten drängen Blumen ans Licht. Sind’s Narzissen?

Die Situation passt nicht zu meiner Grundstimmung. Verärgerung muss raus, an die Sonne, ans Licht. Ursache ist die sich ausbreitende Deal-Mentalität. Sie begegnet mir in regionalen Aufgaben, Kostenteiler-Diskussionen, Projekten von Privaten. Diese Haltung gehört richtig ausgeklopft – Frühlingsputz! Mich stört, dass der gut-schweizerische Kompromiss schleichend durch eine Deal-Mentalität ersetzt werden soll: Wenn’s international geht, weshalb nicht hier? Auch schlechte Vorbilder wirken.

Warum? Der schweizerische Kompromiss ist auf lange Frist, auf Ausgleich angelegt. Das ist Arbeit, erfordert Empathie. Der Deal wittert das schnelle Geschäft, haut ab, bevor sich die Folgen zeigen. Das ist unschweizerische Machtpolitik.

Wozu sich ärgern? Die Sonne ist weitergewandert, hat mich in den Schatten gesetzt, kompromisslos, ohne zu verhandeln.

Zuständig

„Dafür bin ich nicht zuständig. Und Zeit habe ich auch keine!“ Das ist die eine, oft gehörte Botschaft. Die andere ist, dass sich Menschen in Dinge einmischen, für die sie weder zuständig noch qualifiziert sind – und mit einem Augenzwinkern formuliert: das gilt immer nur für die anderen, nie für sich selbst.

Die Schweizer Demokratie hat nicht nur eine ausgeklügelte Gewaltentrennung, sondern auch eine fein austarierte Zuständigkeitsordnung. Der Grundsatz „alle Macht dem Volk“ bedeutet, dass diese Zuständigkeitsordnung über demokratische Prozesse immer angepasst werden kann. Bis dann aber gilt sie. Heisst, dass die heisse Kartoffel nicht beliebig ‚nach oben‘ geschoben werden kann, wenn es Entscheide von grosser Tragweite zu treffen gibt. Und während man bei Volksentscheiden nie nach Verantwortung, Verlässlichkeit und Kontinuität fragen muss, sind gerade diese Qualitäten sehr wichtig in Aufgaben, die gemeinschaftlich gelöst werden sollen.

Tönt alles kompliziert, oder? Man könnte auch sagen: „Jeder mache ordentlich seinen Job, auf dass es der andere auch tue.“ Ganz einfach, bis es schwierig wird, sagt der Gemeindepräsident in mir.

Frisch

Hhhmm, wunderbarer Duft –  zu Hause komme ich oft in den Genuss von frischem Sauerteig-Brot. Die Gläser mit dem Anstellgut aus Mehl und Wasser sind unten im Kühlschrank. So bekomme ich mit, wie die Mikroorganismen umsichtig gehütet, aber nicht verhätschelt werden, auf dass der Sauerteig schön aufgeht und knusprig gebacken werden kann – eine wunderbare Energiequelle.

Später im Büro arbeite ich am ARA-Projekt. Dabei stelle ich zufällig fest: Zwischen der biologischen Abwasserreinigung und einem Sauerteig gibt es viele Parallelen. Beides sind lebendige Prozesse, die geführt sein wollen. Es braucht zum Systemverständnis eine besondere Liebe zu all den beteiligten Mikroorganismen. Nur wer mit ihnen per Du ist, kann man früh und dosiert eingreifen, für die richtige Temperatur sorgen, Struktur und Gasbildung im Griff haben.

Bäcker oder Klärwärter, frisches Brot oder gereinigtes Wasser. Auch wenn die Nase Differenzen meldet, es steht einem immer frei, ob man sich aufs Trennende oder aufs Gemeinsame konzentriert. 

WilOst

Wer hat die grösseren Kartoffeln und was steckt hinter der Zusage der 21 Gemeinden der Region Wil auf neues Industrieland zu verzichten, wenn Wil West kommt? 

Diese Zusage ist keine freundnachbarliche Geste. Grössere Betriebsansiedlung sind im Gemeindeumfeld äusserst anspruchsvoll.

Verkehr, Löschwasser, Trafostationen, Mobilfunk, Abwasserkapazitäten, Regenrückhaltebecken, oft Grundwasserschutz, Altlastenentsorgung, Umweltverträglichkeit, Ackerland überkompensieren usw. Die Infrastruktur-Vorleistungen bis nur an ein Baugesuch gedacht werden kann, kosten Millionen. Das überfordert viele Gemeinden, auch im Dialog mit der Bevölkerung und den Rechtsverfahren. Und Steuererträge? Die gibts von Menschen, nicht von Firmen. Kurz: Viel Arbeit, wenig Ehre, kein direkter Ertrag. 

Trotzdem: Aus einem Kartoffelacker am richtigen Ort kann viel werden. Bühler zum Beispiel macht nicht nur Chips oder Härdöpfel-Stock draus, sondern spannende Arbeitsplätze, Innovation, Aus- und Weiterbildung und kluge Mobilität. 

Wer auch immer die grösseren Kartoffeln hat: Was wir in WilOst schätzen, dürfte uns auch in WilWest nützen. 

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Ton

C‘est le ton qui fait la musique. Dieses Sprichwort hat meist einen kritischen Unterton. Ich war ihm jedoch in technischer Hinsicht auf der Spur. Denn wer den Ton einer Gitarre verstärken will, braucht einen Tonabnehmer, entweder ein Mikrofon, eine Magnetspule oder ein piezoelektrisches Kristall. 

Mein Ziel: eine elektrisch verstärkte Gitarre aus einer Zigarrenkiste. Mit Support von R. K. baute ich eine Cigar Box Guitar mit Resonator, wickelte für den Tonabnehmer ultradünnen Kupferdraht etwa 7 200 Mal um eine Eigen-Konstruktion aus Nägeln und Magneten. Man staune: Die doppelte Magnetspule, der Humbucker, funktioniert satt und ohne Brummen.

Erkenntnis aus dem Experiment: Für einen guten verstärkten Ton brauchts den ganzen Signalweg, vom Instrument über abgeschirmte Kabel, zwischengeschaltete Geräte bis zum Lautsprecher, um zum Ohr zu kommen. Die Kette muss zusammenspielen. Und letztlich kann all die Technik nur ausgeben, was jemand spielt: C‘est la musique quit fait le ton!

Bitter

Als Kind konnte ich Chicorée, Rosenkohl und Aubergine nicht ausstehen. Verschiedene Strategien hatte ich versucht. Letztlich blieben Tapferkeit, kindliche Wut auf die elterliche Autorität und die eine odere andere bittere Träne.

Hats geschadet? Heute habe ich dieses Gemüse ganz gern auf dem Teller. Ähnlich war‘s mit Bier, das war mir lange zu bitter.

Heute, nur kurz Zeit für die Mittagspause. Also schnell aus dem Büro, husch rüber in die Migros, mit plastikverpacktem Couscous und buntem Salat-Teller durch die Selbstbedienungskasse, die 4 Stockwerke hoch zum Pausenraum. Dort wird mir erklärt: „Die Sauce hättest Du separat kaufen müssen!“ Tja, niemand konnte aushelfen. So kämpfte ich mich durch Gurken, Tomaten und Mais und den bittren Chichorée, ohne Sauce.

Bitter hier, dass ich nicht das tun konnte, was heute medialer Standard ist: einen Schuldigen suchen.

PS: An der ‚richtigen’ Kasse hätte ich sicher einen Tipp bekommen …

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Formular

Wir haben es gern strukturiert und vollständig, so nach Motto ‚Machs einmal und gleich richtig!“ Was ist da nützlicher als ein Formular? 

Formulare haben trotzdem ein schlechtes Image. Nicht einmal Zaubertrank hilft, wie Asterix und Obelix auf der Suche nach dem Passierschein A38 verzweifelt feststellten. Dabei können Formulare ganz gute Dienste tun, für Effizienz und Gleichbehandlung sorgen, Wissen praktisch anwenden helfen.

Was mich besonders an Formularen ärgert ist, dass ich oft Angaben machen muss, von denen ich vermute, dass der Empfänger sie längst haben müsste. 

Ein Formular transportierte früher Informationen, heute zusätzlich Erwartungen. Wollen Sie ankreuzen? Ja oder Nein? 

Podcast Formular, generiert mit NotebookLM