101

Jonschwil hat in Schwarzenbach ein neues Schulhaus gebaut, mit tollem Umgebungskonzept. Ein gelungenes Projekt. Der Sichtbeton ist robust und zeigt die 10 cm breite Holzschalung, in die er eingebaut wurde, saubere Handwerksarbeit. Eiche sorgt für sichtbare, ein modernes Heizsystem für gefühlte Wärme im Haus.

Interessant ist eine Linie mit farbigen Punkten im Untergeschoss. Sie sei dazu da, das Dezimalsystem zu lernen. Der Zahlenraum bis 100 will eben auch heute noch im eff-eff beherrscht sein. Pikantes Detail: Die Linie hat 101 Punkte. Die Null ist hier auch etwas Wert. Aber wieviel? Ein ganzer Punkt oder müsste er wenigstens leer sein?

Am Montag ist Bürgerversammlung. Da geht nicht nur um Zahlen mit Nullen, sondern auch um die Frage, wie man dazu kommt und welchen Wert sie haben.

PS: Wussten Sie, dass die Perser (heutiges Iran) und die Inder schon tausend Jahre mit der Null rechneten, bevor Leonardo Fibonacci um 1200 das rechnerische Nichts in unserem Kulturkreis einführte? Wir sind nicht immer voraus, wie beim Schulhausbau.

Bild

Heute hat man, Handy sei Dank, jederzeit einen Fotoapparat zur Hand. Jeder Regenbogen, jedes spezielle Wolkenbild, Sonnenauf- und untergänge, Landschaften, Stimmungen, alles kommt vor die Linse. Auch alle persönlich wichtigen Menschen und Tiere. Sicherheitshalber drückt man ein paar Mal ab oder filmt gleich. Kostet ja nichts.

Früher kaufte man einen Film, 24-er oder 36-er, schwarz-weiss, farbig, 100, 200 oder 400 ISO. Je nach Labor kostete ein Bild CHF 1.— bis 0.19 CHF. Die Entwicklung ist erfreulich: So schlechte Bilder wie in vielen alten Alben kleben, macht heute niemand mehr. Die Kosten sind gesunken, die Qualität ist gestiegen. Die Zahl der Fotos ist explodiert, der eigenen und der fremden.

Mit der Konsequenz, dass ich immer weniger Fotos mache. Weil ich keine Zeit habe auszusondern, zuzuschneiden, geschweige denn zu bearbeiten. Die Last des riesigen Arbeitsvorrats drückt. Früher verblassten Bilder in der Sonne, heute gehen sie im Meer unter. Dass man sich nicht von allem ein Bild machen soll, hat auch in dieser Hinsicht vieles für sich.

Mosaik

Viele kleine Steine zu einem Gesamtbild zusammenfügen, so entsteht ein Mosaik. Das älteste bekannte Mosaik hat einen Durchmesser von rund 9 m, ist aus ortsfremden Steinen und Knochen, liegt im deutschen Thüringen und ist 400 000 Jahre alt. Bekannt sind Mosaike im antiken Griechenland und der alten Römer. Auch heute wird diese Kunstform noch gepflegt, bekannt sind etwa die Werke von Friedensreich Hundertwasser.

In Uzwil bauen wir nicht an einem kleinen Steinmosaik, auch nicht mit Hundertwasser. Aber wir wollen Stein um Stein zu einem Gesamtbild Zentrum zusammenfügen. Der ehemals etwas einsame Lindenplatz macht plötzlich mehr Sinn. Es wird klar, was gemeint wurde, als dieser Platz als Auftakt zum Zentrum Uzwil beschrieben wurde.

Mosaike sind ein gutes Übungsfeld: Was gedacht wurde, will getan sein.

Nachhall

Was macht den Wert von positiven Erlebnissen aus? Von Geschenken, Reisen, glücklich Erarbeitetem, sich Gegönntem, Erworbenem, Erlebtem?

Das besonders Positive wirkt idealerweise möglichst lange nach, hat einen langen, schönen Nachhall. Man kann sich nicht satt sehen, es nicht oft genug wiedererzählen, nochmals erfühlen und im Geiste durchleben. Sozusagen das Velo ins Bett mitnehmen wollen, so die Kindheitserinnerung.

Und wie hat sich die Nachhall-Zeit entwickelt? Ist sie kürzer oder länger geworden, überlagern sich Ereignisse?

Entscheidende Faktoren für die Dauer des Nachhalls dürften die Qualität des Ergebnisses und die Freude sein. Dazu haben wir aktuell auch als Gemeinde Grund: Ein mehr als 10-jähriger Planungs- und Entwicklungsprozess endet. Die Rechtsmittelverfahren sind erledigt. „Die Uzwiler Bahnhofstrasse kann neu gebaut werden!“, hallt es durchs Zentrum!

Tick

Stellen Sie sich eine mechanische Uhr vor, vielleicht eine Pendule, und ihr regelmässiges Tick, …., Tack, …., Tick, …., Tack?

Nach dem Bundesamt für Statistik macht eine Uhr in einem durchschnittlichen Männer-Leben etwa 2,68 Milliarden Mal jede Sekunde Tick oder Tack. Statisch gesehen habe ich noch eine Milliarde Ticks bzw. Tacks vor mir.

Wozu ich Sie einladen will: prüfen Sie, wieviele Male Sie den Ton ‚Tick‘ bis zum nächsten ‚Tack‘ wiederholen können. Oder anders gesagt: wie oft können Sie den Leerraum zwischen dem Tick-Tack mit dem Tick-Ton auffüllen?

Sich des Freiraums, des Nichts bewusst werden, das ist eine Aufgabe, die sich dem Einzelnen und auch der Gemeinschaft stellt. Und wenn Sie sich jetzt sagen: „Der tickt nicht richtig!“ – stimmt das sicher, mindestens bis zum nächsten „Tack“.

Weg

Der Weg ist das Ziel – dieser Satz schien mir doch ziemlich abgedroschen. Weil er inflationär verwendet wird und weil es ja gar keine andere Möglichkeit gibt, als den Weg zum Ziel zu erklären, weder für Zielstrebige noch für Menschen, die sich treiben lassen.

Vom Weg abkommen, weg vom Weg also, diese Möglichkeit stünde auch noch offen, allerdings nicht für jene, die den Weg zum Ziel erklären.

Zuviel der Philosophie? Weg von der Realität?

Der Weg zum neuen Werkhof führt weg vom alten und setzt Philosophie ganz praktisch um, jene der kurzen Wege. Ziel erreicht.

Glocke

Post vom Gesundheitsdepartement: Im Rahmen einer grossen Aktion solle ich als Gemeindepräsident namens der Öffentlichkeit allen Menschen danken, die Angehörige, Bekannte oder Nachbarn betreuen und pflegen – der 30. Oktober sei der Tag der Pflegenden.

Diesen Dank richte ich immer wieder gern aus. Und aus Überzeugung. Aber auf welchem Weg?

Beim kürzlichen Besuch bei A. E., eine bereichernde Begegnung übrigens, bekomme ich mit, wie Nachbarin M.P. Lebensmittel bringt, zusammen mit Medikamenten und den neusten Instruktionen der Apothekerin. Eine wertvoll-existentielle Hilfe, die das zu Hause leben ermöglicht. M. P. tat das unaufgeregt, mit jener Form der Selbstverständlichkeit, die Menschen eigen ist, die ihre Hilfe nicht an die grosse Glocke hängen.

Eine grosse Glocke gabs noch auf mittelalterlichen Ratshäusern. Wir haben keine. Dieses stilles Dankeschön dürfte besser zu den Menschen passen, die nicht alles an die grosse Glocke gehängt haben wollen.

Nase

Phänotypisierung, so nennt man das Verfahren, mit dem man im Strafverfahren Täterprofile aus der DNA des Menschen herauslesen will, also mehr als nur den genetischen Fingerabdruck. Man denkt aktuell im Bundesparlament an Augen-, Haar- und Hautfarbe, biogeografische Herkunft, Alter, Verwandtschaft, im Einzelfall auch an psychische Merkmale.

Noch vor 20 Jahren hätten sich jedem Staatsrechtler, jeder Strafrechtlerin ob solcher Ideen die Nackenhaare gesträubt. Weshalb? Im Kriminalmuseum St.Gallen wird präsentiert, wie man vor mehr als 100 Jahren versuchte, an physiognomischen Merkmalen Täter zu erkennen: Hakennase bedeutet X, Stubsnase Y, ein langes Ohrläppchen Z usw. Beispielbilder geben Anleitung.

Nun, die Zeiten haben sich geändert. Der moderne Mensch stellt persönlichste Informationen, sogar DNA-auswertbare Körpersekrete, die eigentlich nur mit gerichtlicher Anordnung und bei schwersten Delikten erhoben werden dürfen, überall freiwillig zur Verfügung. Man hat ja nichts zu verbergen und die Gesellschaft gewinnt.

Was sagt Ihnen Ihre Nase?

Verbrechen

Es gibt Worte, die ziehen automatisch Aufmerksamkeit auf sich, so auch das Wort „Verbrechen“. Beweis: Die Polizei-News mit Unfällen und Verbrechen gehören zu den nachgefragtesten Informationen. Sie scheinen wichtiger als bahnbrechende Erfindungen, Verhandlungen oder Leistungen, bedeutender als gesellschaftliche oder kulturelle Ereignisse.

Was macht denn Verbrechen, Verstösse gegen Gesetz und gute Sitten, so spannend, dass man immer wieder die Hände über dem Kopf zusammenschlagen kann, jesses?

Wahrscheinlich liegt der Grund darin, dass das Verbrechen sehr selten ist und gerade deshalb so grosse Aufmerksamkeit bekommt. Was ja im Umkehrschluss nichts anderes heisst als dass das Positive, das Wertschätzende, Nützliche, Liebevolle, Sorgsame ganz gewöhnlich sein müssen. Weil Alltag, erkennen wir dies wohl selten. Das ist sozusagen auch ein „Verbrechen“.

PS: Unsere Medien berichteten kürzlich, dass in New York ausnahmsweise ein lang Tag kein Verbrechen bekannt wurde.

Stolz

Wie immer, wenn der Gemeinderat eines der 7 Uzwiler Dörfer besucht, nimmt das Thema Verkehr viel Raum ein. So auch im Stolzenberg. Und oft schliessen sich Anliegen gegenseitig aus wie breitere Strassen und trotzdem tiefere Geschwindigkeiten. Wer sich selbst und sein Verkehrsverhalten reflektiert, weiss dass, auch dass eine Tempo-Tafel allein wenig nützt. Der Mensch schätzt die Umgebung ein und wählt dann die für ihn ‚zulässige‘ Geschwindigkeit. Sei es auf dem Bike über Wurzeln im Wald, mit den Skis im Steilhang oder eben mit dem Auto durch den Stolzenberg.

Und wie so oft setzen sich Menschen für andere ein, mit guter Absicht, auch mit ihrer Lebenserfahrung. Dass sich Grosseltern um Enkel sorgen, ist richtig und gehört zum menschlichen Reifeprozess. So auch W.S., er fragt den Gemeindepräsidenten vor versammeltem Dorf pathetisch: „Und die arme Chind, wie gönd denn die i d‘Schuel?“ Worauf S. G., ein 9-jähriges Stolzenbergler Mädchen die Sache subito klärt: „Mir gönd z‘Fuess oder mit em Velo!“