Hitzig

Bleibts noch länger heiss und trocken, wird es schwierig für alles, was auf diesem Planeten kreucht und fleucht. Das private Schwimmbad füllen dürfte keine Priorität mehr haben. Die öffentlichen Brunnen werden abgestellt, der Signalwirkung wegen. Nachdem die Landwirtschaft kein Wasser mehr aus öffentlichen Gewässern pumpen darf, wird auch Auto waschen und Rasen sprengen verboten werden. Wir kennen die Kaskade an Massnahmen seit 2022, die möglichen Schlagzeilen auch.

Kürzlich traf ich R.B. beim Einkauf. Er erzählte von seinen Ferien und davon, dass sein Sohn es derweil problemlos geschafft habe, die Pflanzen zu Hause nicht zu giessen, mit absehbarem Ergebnis. Das erinnerte mich an meine jungen Jahre, als ich das Mandat hatte, die Geranien des Chefs während zwei Wochen zu giessen. Das hatte ich zwar getreulich erledigt, aber mangels Erfahrung und besseren Wissens zur brütend heissen Mittagszeit – sehr dumm, wie sich’s herausstellte.

Der Umgang mit Hitze und Trockenheit will gelernt sein. Die Schule macht Donnerstag und Freitag Nachmittag frei.

Agenda

Ist sie Fluch oder Segen, die Agenda? Klar, ohne Ziel, ohne sich mit anderen Menschen abzustimmen, ist nicht viel zu erreichen. Und gleichzeitig lässt sich im Kalender jede Lücke so vollstopfen, dass man auch die Freiräume planen muss.

Die Termin-Spirale dreht sich. Junge Paaren und Familien haben, so scheint mir, grösseren Abstimmungsbedarf als frühere Generationen: Wer macht heute was, arbeitet wo? Wer bringt die Kinder in die Kita und die Zalando-Päckli auf die Post, wer trainiert wann wo, fiebert am Spielfeldrand mit, geht zum Arzt, besorgt Geschenke? Die Agenda synchronisiert, mit Nebenwirkungen.

Und die Gemeinde? Wir nehmen den vierten Anlauf innert 10 Jahren, eine Agenda zu führen. Bisherige Anläufe scheiterten an Parallelstrukturen, fehlenden Informationen und an technischen Schnittstellen. Wer im Gemeindeumfeld einen Anlass portiert, will nicht unbedingt Werbung kaufen oder eine Gewissensprüfung bestehen. Gleichzeitig will die Gemeinde keine kruden Veranstaltungen in ihrer Infrastruktur. Es ist nicht so einfach, wie man denkt. Zudem: Wer eine Agenda führt, hat eine Agenda.

40/80

„Was macht Uzwil für die 80-jährigen?“ Mit dieser Frage wurde ich an der riga26, der Gewerbemesse konfrontiert. Und ehrlich gesagt hat sie mich auf dem falschen Fuss erwischt. Nicht weil Uzwil nichts macht, sondern weil mir zuviele Gedanken durch den Kopf gingen.

Bislang sah sich der Gemeinderat nicht als Veranstalter. Er arbeitet mit Vereinen und Organisationen zusammen, sei‘s im Sport, in der Kultur, Musik oder eben auch im Alter. Die Gemeinde wirkt im Hintergrund, unterstützend, stellt Infrastruktur bereit. Die Kirchen haben ebenfalls eine wichtige Rolle, machen viel.

Unser ‚Alters-Minister‘, Gemeinderat Philipp Herzog erklärte mir eben: 80 ist das neue 60. Als Senior fühle sich niemand angesprochen.

Und so bleibe ich auf dem Gefühl sitzen, Erwartungen nicht zu erfüllen, an die heute 80-jährige mit 40 selbst kaum dachten.

Nun, wir wollen es für möglichst viele Leute möglichst gut machen. Drum nehme ich den Faden auf, speise das Bedürfnis am richtigen Ort ein, auf dass es am Wettbewerb unter allen Anforderungen, die an die Gemeinde gestellt werden, teilnehmen kann. Und zusätzlich frage ich mich, wie wir das in 40 Jahren machen.

Blumen

Wer Freude machen will, schenkt Blumen. Und sagt so, was mit Worten schwerer fällt, je nach Situation etwas Unterschiedliches. Das Spektrum geht von Dankbarkeit über Anerkennung, Freude, Liebe, Mitgefühl, Versöhnung, meint auch Respekt.

Was seltener in den Fokus kommt: Blumen geschenkt bekommen ist auch Verpflichtung. Regelmässig Wasser wechseln, Stiele zurückschneiden, verwelkte Exemplare ausmustern usw. – hier bin ich ehrlich gesagt nicht so gut. Drum schenke ich die Blumen lieber.

Auf meine Frage an zwei Damen, was sie mit dem Spruch ‚Sags mit Blumen‘ verbinden, kam zur Assoziation ‚Natur‘ auch der kleine Verdacht: „Etwas angestellt?“

Wenn die Gemeinde rund 80 Kisten mit Blumen und Gemüse zur Freude und zum Ernten in den öffentlichen Raum stellt, gibts noch viel mehr Fragen. Dass eine Frau diese Idee trägt, weil sie Freude unter die Menschen bringen möchte, ist so aussergewöhnlich, dass man‘s kaum glauben kann. Drum: Fehlen Worte, sags mit Blumen!

Warten

Sparen, aufsparen, warten, verzichten, das gehört alles in die selbe Familie. Ist eine Fähigkeit, die wahrscheinlich schon im frühen Kindesalter gelernt sein will. Es gibt einige Untersuchungen, was da im Menschen vor sich geht. Anschaulich finde ich den Marshmallow-Test:
Man setzt einem Kind Süssigkeiten, eben einen Marshmallow, vor und sagt: wenn Du warten kannst, bekommst Du einen zweiten. Und dann lässt man das Kind allein im Raum. Es gibt lustige Videos über die Strategien der Kinder, wie sie die Wartezeit überbrücken. Da ist vom Augen zuhalten über den Rücken zudrehen bis unter den Tisch kriechen alles dabei. Oder eben, ein seitlicher Kontrollblick, ob‘s jemand sieht, und zack, ist alles schnabuliert.

Wir tun uns schwer mit zuwarten, mit aufschieben, mit Bedürfnisse und Wünsche ordnen. Trotzdem ists nötig. In einer Gemeinde muss das strukturiert und regelmässig geschehen. Ich halte mehr von sauber getakteten Prozessen als von Aktivismus und Programmen mit falschen Grössenordnungen.

Am Dienstag ist Bürgerversammlung, Abnahme der Rechnung 2025, dann informiert der Gemeinderat. Das Budget 2027 kommt ein halbes Jahr später.

Wann genau beginnt eigentlich das Warten – hat man nicht schon lange genug gewartet?

Verbiegen

„Eigentlich hätte ich doch etwas sagen sollen.“ Sie kennen dieses Gefühl. Man weiss nicht so recht, ob jemand anderer in die Bresche springt, das Feld öffnet, thematisiert. Und dann geschieht nichts. Die Situation ist vorbei, die Gelegenheit auch. Später passt es nicht mehr.

Und doch bleibt das Gefühl zurück, dass man hätte sollen. Nur weshalb? Der Sache oder dem Ego zuliebe? Oder unterstützend? im Schweigen kann auch etwas von sich verbiegen stecken.

Morgen Nachmittag nehme ich an einer Sitzung teil und hoffe, dass dort auf den Tisch kommt, was auf den Tisch gehört. Ich finde es schwierig, wenn das Gefühl im Raum steht, dass noch ‚etwas’ kommen müsste.

Es ist schon anspruchsvoll, die beschriebene Herausforderung für sich selbst zu bewältigen. Die Komplexität nimmt zu, wenn man das für andere oder für die Gemeinde machen muss. Und vor allem, wenn am Tisch Menschen sitzen, die die gleiche Herausforderung haben und es ebenfalls gut machen wollen.

Ob ich Ihnen hier hätte sagen sollen, um welches Thema es geht?

Lust

Darf man als Gemeindepräsident so einen Titel setzen? Ich bin überzeugt, man muss sogar! Es geht um nichts weniger als um die Zukunft.

In den letzten Wochen habe ich mich intensiv mit der Frage befasst, was uns in den nächsten Jahren und Jahrzehnten wohl beschäftigen wird. Es gibt viele Themen, die Angst machen. Ich mag sie gar nicht aufzählen, will ihnen nicht mehr Raum geben, als sie ohnehin haben. Ersatzweise habe ich drei Kategorien gemacht: Da gibt es Themen, die es in die breite Öffentlichkeit geschafft haben, die jeder kennt. Da gibt es die höchstpersönlichen, privaten. Und die ganz verborgenen, die langsamen Themen, die man nur mit der Lupe oder im Zeitraffer sieht. Ihre Phantasie reicht, um all diese Themen farbiger auszumalen als ich sie beschreiben könnte.

Kürzlich habe ich in den Uzwiler Annalen geblättert, von Georg Hugentobler, Gemeindammann von 1891 gelesen, dann von Abraham Schwalder, der war während des zweiten Weltkriegs in dieser Funktion. Ich war versucht, deren Ängste und Sorgen über die unsrigen zu legen. Und habe mich bewusst dagegen entschieden. Wir haben allen Grund, uns auf die Zukunft zu freuen. Es gibt so viele Dinge, auf die wir Lust haben sollten. Der Schlüssel ist die Phantasie.

Ernsthaft

Foyer des Gemeindehauses, öffentlicher Anlass zum Thema Schulraum. L. S. bezweifelt, ob die Gemeinde ernsthaft Alternativen prüfe. Spontan weise ich diese Vermutung zurück. Was in der Situation richtig war, ist auch ein paar Tage, nachdem ich über das Thema Ernsthaftigkeit nachgedacht habe, noch korrekt.

Woran machen wir Ernsthaftigkeit fest? Was fehlte L.S.? Es ist vielleicht weniger der Inhalt, eher geht es um wahrgenommenes Engagement, um die Bereitschaft zur Aufnahme neuer Gedanken.

Ernsthaft wirkt, was Folgen hat, verbindlich und entscheidbar ist. Hier sorgt die
Gemeinde für den richtigen Rahmen am richtigen Ort. Was im öffentlichen Raum gesagt wird, wirkt anders als in einer Beiz, in einer Gardeobe oder in der Stube.

Ich habe einige Menschen zu ihrer Ernsthaftigkeit befragt. Der Erste sagte, dass Ergebnisse nachvollziehbar sein müssten, ein Nächster meinte, dass man das in den Augen sehe und der Stimme höre. Mehrfache Antwort: „Was soll die Frage?“

Wie einem Input wie von L. S. gerecht werden und ernsthafte Auseinandersetzung darlegen? Manchmal hilfts, etwas von der genau gegenteiligen Seite zu betrachten. Dieses Gedankenspiel wäre hier mit meinem Verständnis des Gegenteils nicht vereinbar und drum als Methode zurückzuweisen, ernsthaft.

Treppe

Am Konkordia-Platz treffen der grosse Aletschfirn, der Jungfrau-Firn und das Ewigschneefäld zusammen. Da stehe ich also auf dem Gletscher vor einer Felswand in den Alpen. Eine lange, lange Stahl-Treppe führt hinauf zur Konkordiahütte. Früher waren Hütte und Gletscher gleichauf. Heute trohnt die Hütte 150 Höhenmeter weiter oben – das entspricht etwa dem Kölner Dom.

Wie komme ich da rauf? Die Beine sind noch ‚sauer’ von der Ski-Abfahrt über das pickelharte Eis. Die fehlende Akklimatisation an die Höhe lässt das Blut in den Ohren rauschen. Die Treppe mit ihren Gitterrost-Stufen ist nichts für Menschen mit Höhenangst. Dafür gibts immer wieder mal ein Podest zum Ausschnaufen. Das Herz schlägt bis zum Hals und die Kollegen sind schon oben beim Bier.

Unterwegs kämpfe ich um jede Stufe, um Luft und denke an meine Mutter, 85-jährig, und meinen Ratschlag: „Nimm die Treppe, nicht den Lift.“

Sich in andere Menschen einfühlen ist nicht einfach – siehe hier. Oft sind die biologischen, psychischen und physiologischen Umstände zu verschieden.

Ob es hilft, sich später im Leben auf einem Treppenpodest die Aussicht auf Eiger, Mönch und Jungfrau vorzustellen? Jedenfalls werde ich mich mit Ratschlägen künftig etwas zurückhalten.

Vorwort

Weshalb heisst Vorwort wohl Vorwort? Weil es vor dem Wort steht, vor dem Wesentlichen? Im Gegensatz zum Grusswort, das einen klaren Auftrag hat, grüssen.

Heute morgen habe ich das Vorwort zum Geschäftsbericht 2025 geschrieben. Ob sich das überhaupt lohnt, liest das jemand? Nun, in einem Meer von Texten und Zahlen eine Brücke zu Ihnen zu bauen, dürfte sich immer lohnen.

Der Auftrag, ein Vorwort zu schreiben, sitzt zwar im Nacken, der Abgabetermin drängt. Er zwingt einen aber auch präziser hinzuschauen, sich zu fragen, was interessieren könnte und was die eigene Botschaft ist.

In einem halben Jahr werden wir zurückschauen, nach der Rechnung folgt der Budgetbericht mit einem neuen Vorwort. Wird dann aus dem Vorwort ein Nachwort?

In jedem Fall haben Sie, geschätzte Bürgerinnen und Bürger, das letzte Wort.