Stolz

Wie immer, wenn der Gemeinderat eines der 7 Uzwiler Dörfer besucht, nimmt das Thema Verkehr viel Raum ein. So auch im Stolzenberg. Und oft schliessen sich Anliegen gegenseitig aus wie breitere Strassen und trotzdem tiefere Geschwindigkeiten. Wer sich selbst und sein Verkehrsverhalten reflektiert, weiss dass, auch dass eine Tempo-Tafel allein wenig nützt. Der Mensch schätzt die Umgebung ein und wählt dann die für ihn ‚zulässige‘ Geschwindigkeit. Sei es auf dem Bike über Wurzeln im Wald, mit den Skis im Steilhang oder eben mit dem Auto durch den Stolzenberg.

Und wie so oft setzen sich Menschen für andere ein, mit guter Absicht, auch mit ihrer Lebenserfahrung. Dass sich Grosseltern um Enkel sorgen, ist richtig und gehört zum menschlichen Reifeprozess. So auch W.S., er fragt den Gemeindepräsidenten vor versammeltem Dorf pathetisch: „Und die arme Chind, wie gönd denn die i d‘Schuel?“ Worauf S. G., ein 9-jähriges Stolzenbergler Mädchen die Sache subito klärt: „Mir gönd z‘Fuess oder mit em Velo!“

Hallimasch

Er ist das grösste Lebenwesen auf Erden! Der Hallimasch, ein Pilz der Rindenschwämme. Im Schweizer Nationalpark am Ofenpass ist das grösste Exemplar über 1 000 Jahre alt und 500 m breit und 800 m lang, also 400 000 m2 gross. Hallimasche haben eine besondere Fähigkeit, sie leuchten in der Nacht, haben eine Biolumineszenz. Sie befallen Bäume nicht nur, sie sind auch deren Kommunikationsnetzwerk. Über die Pilze reden Bäume miteinander und betreiben einen Nährstoff-Highway, transportieren Enzyme und Hormone.

Wenn man sich ins Thema Pilz vertieft, tun sich viele Türen auf: von Drogen-Pilzen wie in Martin Suter‘s Roman die „Dunkle Seite des Mondes“, über die medizinische Wirkung bei Hildegard von Bingen bis zu den Sammelvorschriften in der Gesetzessammlung.

Und gewisse Dinge haben Pilz und Mensch gemeinsam: teils zum verwechseln ähnlich, im Gemeinschaft lebend, oft zwischen köstlich und ungeniessbar, manchmal giftig.

Erdung

Seit Jahrzehnten liest sich in Gemeinde- und Vereinschroniken wie schwierig es sei, aktive Mitglieder zu finden. Solche, die anpacken. Solche, die sich engagieren und nicht zuerst nach Geld fragen.

Etwas fällt mir allerdings auf. In diesen Lamenti wird selten davon gesprochen, was einem ein Engagement in Verein, Gruppierung, Kirche oder Gemeinde geben kann. Die Freude, gemeinsam an einem Ergebnis, einem Projekt, einem Anlass zu arbeiten, ist unbezahlbar. Gemeinsam das Risiko des Scheitern schultern und spüren, wie gerade schwierige Umstände, ja sogar schlechtes Wetter zusammenschweissen können. Mit Menschen auskommen, die man auf den ersten Blick vielleicht nicht so sympatisch findet, auf den zweiten Blick schätzt. Auch die Sinnfrage des Tuns stellt sich in der Regel weniger.

Der wichtigste Vorteil eines gemeinnützigen Engagement: es verbindet und erdet.

Wie wichtig die Erdung ist, zeigt sich am Beispiel einer Steckdose, dem grün-gelben Kabel! Sie schützt vor Kurzschluss. Auf dass die Energie kann richtig und sicher fliesst.

5 statt 7

7 cm, so breit ist eine Textspalte des Uzwiler Blatts. Zufall? Nein, denn diese Zeilenbreite kann das menschliche Auge mit etwas Übung auf einen Blick erfassen. Also nicht wie in der Schule gelernt, Buchstabe um Buchstabe, Wort für Wort lesen, sondern eine ganze Zeile auf einmal.

Versuchen Sie‘s: den Blick auf die Mitte einer Zeile richten und ohne Augenbewegung die ganze Zeile ‚erfassen‘. Als kleiner Trick kann helfen, dass Sie gedanklich wie durchs Papier hindurchsehen und so den Bereich, den Sie erfassen, vergrössern. Lesen Sie dann senkrecht Zeile um Zeile nach unten in die Tiefe.

So geht Schnell-Lesen, neudeutsch Speedreading – und Sie haben das Uzwiler Blatt im Schwick erfasst.

Soviel zum Thema, inwiefern Breite das Lesen begünstigt. Ob die inhaltliche Tiefe auch vorhanden ist? Damit Sie das jeweils schnell herausfinden, hat die Kolumne nur 5 cm.

Einig

Wenn wir uns einig sind, dass jede Information a) inhaltlich falsch ist, b) zum falschen Zeitpunkt kommt und c) die falschen Menschen erreicht, gehts uns recht gut.

Die Erwartung unserer Zeit, ist eine ganz andere: man hat mich zu orientieren, und zwar genau mich, persönlich angesprochen, nicht mit der Allgemeinheit. Und bitte nur mit Dingen, die mich interessieren. Alles andere bitte weglassen. Nicht irgendwann, sondern ganz genau dann, wenn ich die Information brauche.

Es ist schon richtig. Soviel Zeit hätte es ja nicht gebraucht, schnell ein Mail zu schreiben oder sonst auf einem der zahllosen Kanäle eine persönliche Nachricht zu hinterlassen. Auch der Griff zum Hörer wäre doch keine Sache.

Es ist die Summe all dessen, was wir kommunizieren sollten, die heute plagt. Und wenn wir uns darüber nicht einig wären, dann wohl über den Umstand, dass wir nicht alle Informationen verarbeiten können wollen.

Sehen

Der Mensch hat ein beschränktes Gesichtsfeld. Er sieht seitlich einen Bereich von rund 214°, knapp 70° nach oben und etwa 80° nach unten. Scharf sehen wir allerdings nur grad in einem Bereich von 2°. Ein Auge hat, fotografisch gesprochen, eine Brennweite von etwa 20 mm, funktioniert dennoch ganz anders als ein Fotoapparat. Seine Auflösung wird von 7 Mio Zapfen und 125 Mio Stäbchen bestimmt. Was wir sehen, hängt nicht nur vom Auge und den optischen Gesetzen ab, sondern massgeblich von unserer Hirnleistung: Wir sehen, was wir wissen.

Wann ist ein Bild interessant? Immer dann, wenn wir etwas sehen, das wir noch nicht wussten. Weil das Objekt aus einem Blickwinkel aufgenommen ist, der uns nicht vertraut ist, wie Drohnenaufnahmen. Oder weil das Objekt so unbekannt und deshalb Aufmerksamkeit erheischt.

Fotograf Peter Dotzauer sel. hat Uzwil interessante Bilder geschenkt, aus unbekannten Sichtwinkeln, spannenden Perspektiven. Er hat den Alltag, die Umwelt und die Menschen hier anders gezeigt, als wir sie kannten. Was ich von ihm lerne: Neu sehen gehört zu den täglichen Aufgaben, jetzt auch zum Abschied.

Tafelsilber

Über das Eigentum gibt es philosophische Positionen von Platon über Kant bis Habermas. Ursprung und Herrschaft wurden schon rechtlich beleuchtet. Unser Gesellschafts- und Wirtschaftssystem basiert auf dem tiefen Wunsch nach Eigentum.

Eigentum kann ermöglichen oder Veränderungen im Weg stehen. Drum lohnt es sich, den Wert von Eigentum für sich selbst zu definieren: Was muss ich und was will ich haben? Und mit welcher Haltung soll die Gemeinschaft agieren? Eher nach Aristoteles: „Was es alles gibt, was ich nicht brauche.“ Nach der Ordensregel des heiligen Benedikt, wonach keiner etwas zu Eigentum habe. Oder nach Prof. Tony Honoré, der mit dem Eigentum elf Rechte und Pflichten verknüpft.

Ohne Eigentum weniger Gewinn, mehr Verlustangst, weniger Unterhalt. Die Gemeinde hat ein paar Hektaren Bauland im Rossmoss. Tafelsilber, nicht baureif, aber wertvoll. In Erwartung, dass bald einmal darüber debattiert werden wird: Mit Eigentum muss man sich auseinander setzen. Das kann zu Auseinandersetzungen führen.

Begriff

Schwierige Wörter und Fachbegriffe wirken abschreckend: wer versteht schon „Gemeindeautonomie“. Weshalb soll das für mich wichtig sein? Ob man sich interessiert hängt davon ab, ob man etwas hinter einem Begriff erahnen kann, sich betroffen fühlt.

Probe aufs Exempel: Gibt es etwas, das Sie neugierig auf „Gemeindeautonomie“ macht? Wohl kaum. Hauptsache, der Staat funktioniert. Es liegt in der Natur der Sache, dass man sich erst interessiert, wenn es eben nicht funktioniert, jedenfalls nicht wie mans gern hätte.

IGemeindeautonomie ist für Sie aus einem bestimmten Grund wichtig: Sie haben die Chance, dass man „sich zwei Mal im Leben sieht“. Die Bundesrichterin, der kantonale Funktionär, die Zöllnerin usw. entscheidet, ordnet an, verfügt, veranlagt – und geht.

Auf Gemeindeebene trifft man sich in anderer Sache wieder. Wer im ersten Fall oben war, ist im zweiten unten, und umgekehrt. Dies zu wissen, sorgt gegenseitig für Augenmass und Respekt, alle kommen besser weg. Anlass genug, um sich mit der Gemeindeautonomie zu befassen?

Kopieren

Kopieren ist oft das Werk eines Einzelnen. Sie malt einen Rembrandt nach, er zieht eine Kopie einer Diplomarbeit. Geht’s um Geld, geschiehts meist im Verborgenen. Fälschen und kopieren kann auch nationales Konzept sein. Konfuzius dazu: „Wer das Werk kopiert, ehrt den Meister!“ Aus heutiger Sicht ist das Diebstahl zu höherer Kunst erheben.

Um so wichtiger: Was lässt sich nicht so leicht kopieren? Gesellschaftliche Leistungen. Wie z.B. die Berufsbildung – da steckt ein ganzes Wertesystem dahinter. Ausbilden, damit die Konkurrenz abwirbt? Wer’s trotzdem tut, hat Selbstvertrauen, signalisiert „wir können mithalten“. Ab dem ersten Tag den Realitäten der Wirtschaftswelt erleben, das kann die Berufslehre besser als jedes Studium. Die Berufsschule verbindet dazu Theorie und Praxis. Das sorgt für Unabhängigkeit. Der junge Mensch kann das Gelernte in der ganzen Branche einsetzen. Weshalb funktionierts? Wer diese Erfahrung machen durfte, gibt Wissen aus innerer Überzeugung weiter. Und ist wachsam. Genau das braucht unsere Berufsbildung.

Lucas Keel

PS: Kopiert? Ja, aus dem Vorwort des Geschäftsberichts!

Scharte

Ein sauberer Schnitt ist vielerorts gefragt. In der Medizin, in der Küche, beim Arbeiten mit Holz oder Metall, beim Mähen und generell im Garten. Dazu brauchts scharfes Werkzeug.

Schärfen braucht Mut, finde ich. Das teure Japan-Messer am nassen Schleifstein wetzen? Die Sense dengelen? Wenn das daneben geht, das Werkzeug kaputt ist?

Ja, man muss sich ein Herz fassen, zum Schärfen. Es führt kein Weg dran vorbei. Stumpfes Werkzeug ist keine Alternative. Das bestätigt auch meine jüngste Erfahrung: Mähen mit der Sense. Es lohnt sich nicht, mit dem Wetzen zuzuwarten. Das gibt nicht nur „Schnäuze“. Es ist auf Dauer zu anstrengend.

Noch schwieriger als schärfen ist eine Scharte auswetzen. Mit Material „aus der Nachbarschaft“ eine Lücke so schliessen, dass sie nicht noch grösser wird – hohe Kunst.

Wenn man im Internet nach ‚Scharte auswetzen‘ sucht, findet man viel zur Redewendung, aber kaum praktische Hilfe – genau so sind Scharten.