Sätze

Es gibt Sätze, die ein Leben prägen können. So erzählte mir R.B., dass ihm ein Professor der ETH an einer mündlichen Prüfung gesagt habe: „Es kommt so tröpfchenweise!“ Oder eine ältere Dame beschrieb mir, wie sie vorne an der Wandtafel stand und die Lehrerin meinte: „Du armes Mäuschen, rechnen ist nicht Deine Stärke!“

Als Gemeindepräsident bin ich immer wieder überrascht, wie mir Menschen wortgetreu wiedergeben, was ich vor 10 Jahren gesagt habe. Zu wissen, dass einzelne Sätze sehr prägend sein können, ist Belastung und Verantwortung. Das kennen Sie in vielen Rollen, als Eltern, Lehrmeister, Nachbarn, Freundin.

Woher wissen, ob man vielleicht einen prägenden Satz sagt? Schwierig. Ich kann mich selten erinnern, was ich wörtlich sagte. Womit ich mir helfe: Wenn mich jemand zitiert, erkenne ich sofort, ob die Haltung in der Aussage passt. Diese ist robust, auf diese kann ich mich verlassen – auf dass Sie es auch können.

Staunen

Gerade habe ich wieder einmal meine Lesegeschwindigkeit getestet. Sie liegt bei etwas über 420 Wörter pro Minute – damit bin ich einigermassen zufrieden, vor allem weil ich auch noch erfasst habe, was ich gelesen habe. Das ist etwa eine A4-Seite in der Minute.

Was mich erstaunt, gerade weil ich mit meiner Leseleistung doch einigermassen zufrieden bin: Es gibt Menschen, die in der Lage sind, innert 3 Tagen Tausende Seiten zu lesen, zusätzlich Pläne, Fotos, Mails und Nachrichten aller Art zu sichten. Und dann auch noch eine Meinung dazu abgeben oder Entscheide treffen. Etwa wenn ein neues Buch herausgegeben wird, wenn geheime Dokumente ins Internet gestellt werden, in Gerichts- oder politischen Prozessen und bei grösseren Unglücken. Ist das glaubwürdig, selbst in Teamarbeit?

Mein Vorsatz: Bis Ende März 600 Wörter je Minute. Den Rest müssen Sie sich selbst denken.

Beeindruckt

Im November lädt die Gemeinde die 90, 95 und 100-jährigen Mitbewohnerinnen und -bewohner zu einem Anlass mit Kaffee und Kuchen. Wir würdigen ihre Verdienste für die Gesellschaft, schauen zurück und sagen Danke. Die Jugendmusik spielt, die Jüngsten für die Ältesten. Es ist ein Anlass mit schönen Begegnungen, teils mit dem Charakter einer Klassenzusammenkunft. Es kommen sehr unterschiedliche Lebensgeschichten zusammen, denen es mit Respekt zu begegnen gilt. Eine Lehrstunde fürs Leben.

Dieses Jahr sind mir zwei Dinge in Erinnerung geblieben. Erstens ein grober Schnitzer. Ich führe zwar Buch, wer tatsächlich da, denn manchmal gibt es kurzfristige Abmeldungen. Dieses Jahr habe ich eine Jubilarin zwar persönlich begrüsst, aber auf meiner Liste nicht registriert. Drum ging sie vergessen, als es ums Verteilen der kleinen Präsente ging. Da kommt man und wird vom Gemeindepräsidenten übersehen … nicht nur peinlich, schlicht unverzeihlich.

Und zweitens hat mich ‚unser‘ hundertjähriger Mitbürger beeindruckt, reist selbständig an, unterhält sich munter und organisiert per Handy seine Heimkehr – wow!

Weihnachtszeit: Zeit, um Verzeihung zu bitten und auch Zeit zum Staunen und dankbar sein. Ich habe allen Grund dazu.

Wollen

Man muss nur genug wollen, dann geht alles. Der Kopf befiehlt, der Körper gehorcht. Stimmt dieses Bild? Biologisch ist es nicht korrekt. Die Hand von der heissen Herdplatte nehmen, diesen Reflex befiehlt das Rückenmark. Es meldet dem Kopf nur noch den Vollzug. Glücksgefühle, Serotonin, werden vom Darm zum Kopf geschickt, nicht umgekehrt. Überhaupt sendet der Verdauungstrakt mehr Signale zum Kopf als er empfängt. Die Nase, das Geruchsorgan, ist direkt mit dem limbischen System verdrahtet, lässt sich nicht willentlich steuern. Das spricht gegen die alleinige Kopf-Steuerung.

Eine Gemeinde kann als Körper gesehen werden. Wie stehts da mit dem Willen? Ähnlich. Man kann Wirtschaft, Bildung, Siedlung, Verkehr gestalten, aber nicht auf Knopfdruck an- und ausschalten, glücklicherweise, auch wenn eine Demokratie gerade in der Krise viele Möglichkeiten bietet. Es gibt, wie beispielsweise im Sport, Grenzen. Diese können physikalisch, rechtlich, moralisch sein.

Was für den Körper des Einzelnen gilt, trifft auf die Gemeinschaft zu: Alle Organe sind wichtig, jedes in seiner Funktion. Aber nicht jedes ist dem Willen zugänglich. 

Nur genug wollen kann deshalb zu wenig sein, zu wenig überzeugend, zu wenig durchdacht, zu wenig dringend, zu wenig klar, zu teuer – das wollte ich Ihnen sagen, unter Einbezug von Kopf, Herz, Rücken und Bauch.

Zurück

Umkehren ist oft eine gute Option, wenn man sich verirrt hat. Hänsel und Gretel hatten in Grimms Märchen dafür weisse Steinchen ausgestreut, später leider nur noch Brotkrumen. Weil die Krümel im Märchen von den Vögeln aufgepickt wurden, gabs keinen Weg aus dem Wald.

Umkehren ist in der Politik ein Weg, der selten gewählt wird. Man stelle sich vor, dass die Öffentlichkeit Leistungen zufolge Spardrucks einstellen würde, die heute eingeführt sind. Zum Beispiel: die Kindergärtler ein Jahr später und nur noch von 9 bis 11 Uhr betreuen. Die Bibliothek von den Kirchgemeinden führen lassen. Eine Gemeindekrankenkasse mit minimalem Leistungen anbieten. Nachtwächter statt Strassenlampen einsetzen. Strassen privat unterhalten. Schwimmbad und Fussballplatz über private Aktiengesellschaften betreiben. Angehörige zu Hause unentgeltlich pflegen.

Aktuell diskutiert der Kantonsrat ein Sparprogramm. Diese Programme rütteln selten an Eingeführtem. Statt die „Bestellung“ zu überdenken, wird weit hinter dem Komma gedacht. Man bezichtigt sich allseits der Ineffizienz. 

Zu vergeben sind in Grimms Märchen die Rollen der Hexe, der bösen Stiefmutter, des schwachen Vaters, der Kinder sowie der Vögel im Wald. Ob sich in der aktuellen Besetzung ein Weg vom Lebkuchenhaus aus dem Wald findet? Man muss auch zurück wollen.

Abschied

Neue Gedanken zum Thema Abschied finden, dürfte schwierig sein. Das meiste wurde wohl schon einmal gedacht, hat schon einmal stattgefunden, war vielleicht sogar schon irgendwie festgehalten oder umgesetzt, mindestens vom Prinzip her.

Abschied ist mehr ein Gefühl als ein Faktum: Je engagierter desto verbundener desto schmerzhafter.

Aktuell beschäftigt mich das Thema Abschied im Kontext von geschlossenen Vereinbarungen und lokalpolitischem Konsens. Eine Gesellschaft kann sich von Werten, Haltungen und einem Konsens verabschieden, sie wandelt sich. Wie findet da Abschied statt? Still und leise oder klar und deutlich? 

Abschied nehmen ist schmerzhaft und wichtig. Gerade drum sollten wir uns vom Abschied nicht verabschieden.

Fahrt

Weshalb fliegt ein Flugzeug? Meine Vorstellung war lange, dass Flügel das Flugzeug tragen und so in der Luft halten. Das sei nur zu etwa einem Drittel richtig. Ein Flugzeug, so erfahre ich, werde vom Auftrieb quasi in den Himmel gesogen. Der Auftrieb entsteht, weil die Luft an der Oberseite des gewölbten Flügels in der gleichen Zeit einen längeren Weg machen muss als an der geraden Unterseite. 

Wo ist Strömung, wie ist sie? Wie schnell muss sie sein? Diese Thematik lässt sich auf Führung, auch die Gemeindeführung übertragen. Informationen und Emotionen gilt

es zu organisieren. Sie sollen so fliessen, dass die richtigen Druckverhältnisse entstehen. Dafür braucht es das Zusammenwirken Aller. Ohne jene, die den kürzeren Weg wollen und jene, die den längeren Weg wollen, entsteht keine nutzbare Dynamik. Was in jedem Fall erforderlich ist: das Ziel bestimmen und gemeinsam Fahrt aufnehmen.

Eingefädelt

Meine Grossmama war Schneiderin. Ich erinnere mich, wie ich auf dem Stuhl stehen musste, wenn sie meine Hose mit Nadeln abgesteckte. Manchmal pikste das, der Preis einer massgeschneiderten Hose. Noch heute bewundere ich die Fähigkeit, den menschlichen Körper nicht nur räumlich zu erfassen, sondern auch mit dem passenden Stoff gut zu inszenieren.

Im Unterschied zu einer Stoffbahn, die passend zugeschnitten werden kann, wird ein Pullover Reihe um Reihe gestrickt, er entsteht, ein anderes kunstvolles Konzept. Jede Wolle ist unterschiedlich, den sich anders, wird je nach Muster unterschiedlich, eng verarbeitet. Bis zum Schluss weiss man nicht genau, ob das Kleidungsstück genau passt. Nachträglich einnehmen oder auslassen ist nur beschränkt möglich. Man kann zwar unterwegs korrigieren, hat am Schluss aber mehr Risiko.

Ob richtig gestrickt oder massgeschneidert, Hauptsache wir haben richtig eingefädelt.

Bild

Welche Konsequenz hat die allzeit bereite Kamera? In Urzeiten sah der Mensch sein Anlitz in einem ruhigen Wasser oder auf einer polierten Metalloberfläche. Nur Wenige wurden portraitiert und wie heute retuschiert. Ein Bild von sich zu haben war ein Statussymbol. Später gab es gestellte Familienfotos. Wer sich in der Zeitung sah, schnitt den Artikel aus. 

Ein Bild stützt die Erinnerung, ohne wüsste ich vieles nicht mehr. Es hält Momente gefangen, positive und solche, die man gern loswürde. Das Lächeln auf einem Bild entspricht vielleicht nicht dem Vorher und dem Nachher. Das führt zur Frage, was echt ist.

Unser Selbstbild ist geprägt von einer Sammlung fixierter Zustände, ab dem Babyalter, oft mit inszenierter Fröhlichkeit. 

Wohin führt das, zum optimierten Menschen? Was macht das mit der Gesellschaft? Man siehts im Spiegel.

Schrubben

Putzen ist eine unterschätzte Fähigkeit, ja eigentlich eine Kunst. Oft gelingts mir nicht so gut, wie ich es gern hätte. Woran liegt das?

Die einfachste Erklärung, auch Ausrede, ist, dass man den Dreck nicht gesehen hat. Nächste Erklär-Stufe ist, dass grad nicht das richtige Werkzeug oder Reinigungsmittel zur Hand war. Noch höher in der Kaskade der Ausreden ist ‚keine Zeit gehabt‘. Und der Gipfel: „Ich konnte es beim besten Willen nicht besser!“

Mit richtig Putzen lässt sich bekanntlich viel herausholen: Lebensdauer verlängern, Status erhöhen, Umweltbelastung verringern. Drum muss man auch gut putzen können, sprich langlebig bauen.

Rund ums Putzen gäbe es noch viele Aspekte wie Chemie, Physik und Psychologie: Es ist ‚grad geputzt und schon wieder dreckig‘ oder die freche Haltung ‚Du bist bezahlt zum Putzen’.

Drum hier ein herzlicher Dank an alle guten Geister.

Putzen ist eine typische Tätigkeit, die mit der Hoffnung verbunden ist, dass es ein anderer macht. Diese Haltung sollte besonders gründlich geschrubbt werden.