100 m

Selten hat mich in jüngerer Zeit etwas so geärgert wie das Gaffen. Haben wir das dunkle Mittelalter mit öffentlichen Hinrichtungen und Folter nicht überwunden? Der niedrige Wesenszug sich am Leid anderer zu ergötzen, ist immer noch präsent, sei es bei Unfällen, Bränden oder ähnlichem.

Was Einsatzkräfte berichten, geht auf keine Kuhhaut. Da werden Absperrungen über- und unterquert, Anweisungen penetrant missachtet. Leute, die mit noch nicht einmal schulpflichtigen Kindern gaffen, haben „ä frechi Schnorre“, wenn sie in die Schranken gewiesen werden. Dabei hätten Hilfskräfte bei Gott anderes zu tun als den Pöbel zu dressieren.

Gestützt auf das Polizeigesetz können Sicherheitskräfte Personen wegweisen oder fernhalten. Gaffen jedoch gehört nicht nur verboten, sondern schneller unterbunden als die Gaffer da sind, also sofort! Das bedeutet, man muss den Spiess umdrehen: Generell darf sich im Umkreis von 100 m vor Ort nur bewegen, wer legitimiert ist. Dann braucht es keine Erklärung, kein Wegweisen und kein Fernhalten und kein Verfahren, nur eine Busse für alle Gaffer, nicht unter 1 000 Franken.

Etwas mehr Respekt, bitte!

Stille

Was sagen, in solchen Momenten? Ich bin tief betroffen vom Unglück an Karfreitag. Was sagen, wenn Menschen gegenüber sind, so von der unerwarteten Kunde überwältigt, dass Worte fehlen und jedes Worte eines zuviel und falsch ist?

Junge Menschen, eben noch ausgelassen fröhlich, sind jäh aus dem Leben gerissen oder schwer verletzt – unsäglich tragisch.

Sie, Ihre Angehörigen und überhaupt alle Menschen in schwierigen, unerträglichen Lebenssituationen verdienen unsere Stille, unsere stützende Kraft der Gedanken.

In stiller Anteilnahme

Zelle

Viele Menschen fragen sich angesichts der Ereignisse auf der Welt, was sie denn tun können, wie sie helfen könnten. Das geht mir auch so. Und gleichzeitig stelle ich bei mir und und anderen Menschen fest, dass es keine klaren Gründe gibt, weshalb Ereignisse in X mehr an die Nieren gehen, mehr aufwühlen, mehr Energie freisetzen als in Y.

Es können nicht alle vor Ort helfen, sich einer Seite anschliessen oder sühnen. Faule Ausrede, nichts zu tun? Was wir immer können, unabhängig von Alter, Ort oder Lebenssituation, ist sich selbst die Frage stellen: Wo ist der Friede hier, in meinem Umfeld, in mir selbst auf die Probe gestellt, gefährdet? Wo gelang es, Provokation in Lösungen zu verwandeln, und wo sollte ich schleunigst etwas unternehmen?

Kriege und Konflikte entwickeln sich aus kleinen Zellen. Drum gibt es noch viel zu tun, hier und jetzt.

Titel

Die Botschaft in der Zeitung ist rundweg positiv. Wenn nur der Titel nicht wäre. Er verkehrt ins Gegenteil: Nachbarn zur Kasse bitten – war das die wichtigste Botschaft?

Ein Titel soll aus dem Wohlgefühl des Alltags herausreissen, ja. Er will Aufmerksamkeit, fett und gross. Und er soll Leserschaft generieren. Titel setzen, Flagge setzen. Die Fachwelt unterscheidet Themen- und Aussagetitel. Es gibt verb-betonte und substantivistische Titel, solche mit Doppelpunkt und Frage- oder Ausrufezeichen. Es gibt sogar Forschungen zu Titeln und ganze Sammlungen.

Wenn man sich das nächste Mal über einen Titel ärgert: Vielleicht ist das im Sinn des Erfinders. Und es gibt Gelegenheit sich zu fragen: Titel? Was sollte der?

Olymp

Uzwil‘s Rolle in der Region? Nach Einwohnern längst eine Stadt und doch keine. Weil Uzwil auf ein gutes Einvernehmen mit seinen Nachbarn angewiesen ist, das weiss und auch schätzt.

Wir konnten mit eben diesen Nachbarn auf freiwilliger Basis eine Lösung finden, wie die Sport- und Freizeiteinrichtungen regional umfassend betrachtet und finanziert werden können. Das ist ein Meilenstein in der Geschichte. Wir sind sozusagen auf dem regional-politischen Olymp.

Die Lösung hat Substanz und den richtigen Massstab. Sie ist der Beweis dafür, dass gute Kooperation nicht Vorschriften braucht, sondern guten Willen, Dialog und den Sprung über den eigenen Schatten. Das Thema ist komplex. Drum ist die Lösung aufwärtskompatibel und kann sich mit der Region entwickeln.

Ein, mein herzliches Dankeschön an die Gemeinderäte von Jonschwil, Niederhelfenschwil, Oberbüren, Oberuzwil und Zuzwil, dass sie ihren Bürgerschaften mit dem Budget 2022 positive Anträge stellen.

Falsch

Studieren Sie regelmässig den Wetterbericht? Wie oft beeinflusst er, was Sie noch tun oder lassen?

Wetterberichte sind besser geworden, finde ich. Sie liefern oft brauchbare Ergebnisse. Wenn ich mich ärgere, denn eigentlich nicht über den Bericht, sondern über meine Entscheide. Weil ich etwas nicht gemacht habe und das Wetter eben doch gar nicht so schlecht war. Diese Haltung lässt sich auf vieles übertragen.

Ich sollte meine eigene Wahrnehmung besser trainieren. So wie bei Gewitterneigung. Da weiss ich, dass der Wetterbericht nichts taugt. Da muss man selbst abzuschätzen, wie viel Zeit bleibt bis es losgeht: Wolkenbilder studieren, grau oder schon tief schwarz, hoch aufgetürmt oder lockerer, Tempo abschätzen. Und auch die eigene Lage beurteilen, schaff ich‘s zu einem Unterstand?

Ob sich etwas zusammenbraut oder wieder verzieht, ist die eine Sache. Wie man damit umgeht oder rechtzeitig einen Unterstand findet, die andere. Tröstlich: Falsch liegen beschert wenigstens eine spannende Geschichte.

Spirale

Vor ein paar Monaten ist mir der Begriff «Schweigespirale» begegnet. Er fusst auf Untersuchungen von Elisabeth Noelle-Neumann aus den 70-er Jahren. Es geht um die Frage, wie sich eine öffentliche Meinung bildet.

Ob Menschen sich öffentlich zu ihrer Meinung zu bekennen, hängt davon ab, wie sie das Meinungsklima einschätzen. Widerspricht die eigene Meinung der vorherrschenden, hat man Hemmungen, sie zu äussern.

Nur, welches ist die vorherrschende Meinung? Hier spielen die Medien, vor allem auch die sozialen, eine wichtige Rolle. Gibt es keine Debatten, weil niemand Stellung bezieht, ziehen die Menschen sich zurück, schweigen, mit fatalen Folgen: Die Spirale dreht sich, bis Widerstand zwecklos ist.

Lösungsidee? Vorwurfsfreie, ernst gemeinte Fragen stellen. Selbst wenn sie als ideologisch „abgetan“ werden, kann die Schweigespirale nicht frei drehen und man kann noch Stellung beziehen. Das ist nicht selbstverständlich, wie der Blick in die Welt zeigt.

Mücke

Auf das Gedächtnis kann man sich nicht immer verlassen. Es kann farbiger, dramatischer malen, verharmlosen oder auch ganz auslassen. Zudem verschiebt es sich mit jeder neuen Erfahrung unmerklich. Und manchmal lernt man etwas dazu.

Dinge, die nicht mehr vorkommen und aus dem Alltag verschwinden, schaffen es selten noch in die Erinnerung. Ein solches Beispiel sind die Mückenschwärme. Vor Jahrzehnten prasselte es ans Visier des Motorradfahrers. Auch die Lederjacke war schwer zu reinigen, ebenso Windschutzscheiben und Kühlergrill von Autos. In Gewässernähe tanzten Schwärme und trieben Menschen allein mit ihrem aufsässigen Surren in die Flucht.

Wo sind sie, die Mückenschwärme? Es wird sie kaum jemand vermissen, die lästigen Dinger. Trotzdem: Wo sind sie geblieben? Sind es objektiv weniger geworden oder ist das ein persönlicher Eindruck. Hat das Konsequenzen, wenn ja, welcher Art?

Aus einer Mücke einen Elephanten machen, weil dessen Gedächtnis gefragt ist. Was sagt Ihres?

Stil

Redewendungen und geflügelte Worte werden gern verwendet, ohne sie zu hinterfragen. Und es gibt Begriffe, die schon in sich widersprüchlich sind wie etwa „sich zusammenreissen“ – man stelle sich das einmal bildlich vor. Oder es ist zu lesen, dass dies der „Sinn und Zweck“ von irgend etwas wäre.

Darf man das, Sinn und Zweck als Einheit sehen? Die Frage nach dem Sinn geht nach innen, ist die Frage nach dem „Warum“. Ob etwas Sinn macht, drückt aus, ob es von Bedeutung ist.

Die Frage nach dem Zweck ist die Frage nach dem „Wozu“, also nach dem Ziel einer Sache oder Tätigkeit.

Der Unterschied zwischen dem Sinn und dem Zweck kann sehr klein sein. Eltern erklären ihren Kindern gern, dass es Sinn mache, in die Schule zu gehen. Kinder hingegen sehen in der Schule eher den unliebsamen Zweck, sie zu beschäftigen.

Jetzt, da ich mich über das unsägliche Geschäftsgebahren eines (Nichtuzwiler) Unternehmers ärgere, stelle ich fest, dass die Frage nach dem Sinn und Zweck eines Verhaltens Grenzen hat. Wäre ich nicht einem gewissen Stil verpflichtet, stünde hier ein Kraftausdruck! Das wäre zwar sinnlos, aber es täte gut – Zweck erfüllt.

Szene

Ein Abend vor dem TV, schaue ab DVD eine französische Komödie. Der Film beginnt beschwingt, verliebt, wird dann tragisch-traurig, ist aufrührend, führt verwirrend fort, überraschend, mit absehbarem und doch fantasievollem Schluss. Die Figuren starten simpel, werden komplexer, gewinnen an Tiefe. Nur eine Figur nicht, sie ist und bleibt stets ignorant, banal, oberflächlich, machtorientiert.

Bin zu müde, um ins Bett zu gehen. Schaue drum auf der DVD unter Extras die ausgelassenen Szenen, die weggeschnittenen, jene die keinen Platz im Film fanden. Darunter ist eine Szene, welche die banale Figur zeigt. 90 Sekunden lang, allein, mit sich ringend, ohne Worte. Diese Szene verändert den Film komplett. Wenn ich das gewusst hätte … – ich hätte Respekt gehabt, habe jetzt Respekt.

Was uns gezeigt wird, was wir sehen, ist nie alles. Gut, wenn das ab und zu sichtbar wird.