Verbiegen

„Eigentlich hätte ich doch etwas sagen sollen.“ Sie kennen dieses Gefühl. Man weiss nicht so recht, ob jemand anderer in die Bresche springt, das Feld öffnet, thematisiert. Und dann geschieht nichts. Die Situation ist vorbei, die Gelegenheit auch. Später passt es nicht mehr.

Und doch bleibt das Gefühl zurück, dass man hätte sollen. Nur weshalb? Der Sache oder dem Ego zuliebe? Oder unterstützend? im Schweigen kann auch etwas von sich verbiegen stecken.

Morgen Nachmittag nehme ich an einer Sitzung teil und hoffe, dass dort auf den Tisch kommt, was auf den Tisch gehört. Ich finde es schwierig, wenn das Gefühl im Raum steht, dass noch ‚etwas’ kommen müsste.

Es ist schon anspruchsvoll, die beschriebene Herausforderung für sich selbst zu bewältigen. Die Komplexität nimmt zu, wenn man das für andere oder für die Gemeinde machen muss. Und vor allem, wenn am Tisch Menschen sitzen, die die gleiche Herausforderung haben und es ebenfalls gut machen wollen.

Ob ich Ihnen hier hätte sagen sollen, um welches Thema es geht?

Lust

Darf man als Gemeindepräsident so einen Titel setzen? Ich bin überzeugt, man muss sogar! Es geht um nichts weniger als um die Zukunft.

In den letzten Wochen habe ich mich intensiv mit der Frage befasst, was uns in den nächsten Jahren und Jahrzehnten wohl beschäftigen wird. Es gibt viele Themen, die Angst machen. Ich mag sie gar nicht aufzählen, will ihnen nicht mehr Raum geben, als sie ohnehin haben. Ersatzweise habe ich drei Kategorien gemacht: Da gibt es Themen, die es in die breite Öffentlichkeit geschafft haben, die jeder kennt. Da gibt es die höchstpersönlichen, privaten. Und die ganz verborgenen, die langsamen Themen, die man nur mit der Lupe oder im Zeitraffer sieht. Ihre Phantasie reicht, um all diese Themen farbiger auszumalen als ich sie beschreiben könnte.

Kürzlich habe ich in den Uzwiler Annalen geblättert, von Georg Hugentobler, Gemeindammann von 1891 gelesen, dann von Abraham Schwalder, der war während des zweiten Weltkriegs in dieser Funktion. Ich war versucht, deren Ängste und Sorgen über die unsrigen zu legen. Und habe mich bewusst dagegen entschieden. Wir haben allen Grund, uns auf die Zukunft zu freuen. Es gibt so viele Dinge, auf die wir Lust haben sollten. Der Schlüssel ist die Phantasie.

Ernsthaft

Foyer des Gemeindehauses, öffentlicher Anlass zum Thema Schulraum. L. S. bezweifelt, ob die Gemeinde ernsthaft Alternativen prüfe. Spontan weise ich diese Vermutung zurück. Was in der Situation richtig war, ist auch ein paar Tage, nachdem ich über das Thema Ernsthaftigkeit nachgedacht habe, noch korrekt.

Woran machen wir Ernsthaftigkeit fest? Was fehlte L.S.? Es ist vielleicht weniger der Inhalt, eher geht es um wahrgenommenes Engagement, um die Bereitschaft zur Aufnahme neuer Gedanken.

Ernsthaft wirkt, was Folgen hat, verbindlich und entscheidbar ist. Hier sorgt die
Gemeinde für den richtigen Rahmen am richtigen Ort. Was im öffentlichen Raum gesagt wird, wirkt anders als in einer Beiz, in einer Gardeobe oder in der Stube.

Ich habe einige Menschen zu ihrer Ernsthaftigkeit befragt. Der Erste sagte, dass Ergebnisse nachvollziehbar sein müssten, ein Nächster meinte, dass man das in den Augen sehe und der Stimme höre. Mehrfache Antwort: „Was soll die Frage?“

Wie einem Input wie von L. S. gerecht werden und ernsthafte Auseinandersetzung darlegen? Manchmal hilfts, etwas von der genau gegenteiligen Seite zu betrachten. Dieses Gedankenspiel wäre hier mit meinem Verständnis des Gegenteils nicht vereinbar und drum als Methode zurückzuweisen, ernsthaft.

Treppe

Am Konkordia-Platz treffen der grosse Aletschfirn, der Jungfrau-Firn und das Ewigschneefäld zusammen. Da stehe ich also auf dem Gletscher vor einer Felswand in den Alpen. Eine lange, lange Stahl-Treppe führt hinauf zur Konkordiahütte. Früher waren Hütte und Gletscher gleichauf. Heute trohnt die Hütte 150 Höhenmeter weiter oben – das entspricht etwa dem Kölner Dom.

Wie komme ich da rauf? Die Beine sind noch ‚sauer’ von der Ski-Abfahrt über das pickelharte Eis. Die fehlende Akklimatisation an die Höhe lässt das Blut in den Ohren rauschen. Die Treppe mit ihren Gitterrost-Stufen ist nichts für Menschen mit Höhenangst. Dafür gibts immer wieder mal ein Podest zum Ausschnaufen. Das Herz schlägt bis zum Hals und die Kollegen sind schon oben beim Bier.

Unterwegs kämpfe ich um jede Stufe, um Luft und denke an meine Mutter, 85-jährig, und meinen Ratschlag: „Nimm die Treppe, nicht den Lift.“

Sich in andere Menschen einfühlen ist nicht einfach – siehe hier. Oft sind die biologischen, psychischen und physiologischen Umstände zu verschieden.

Ob es hilft, sich später im Leben auf einem Treppenpodest die Aussicht auf Eiger, Mönch und Jungfrau vorzustellen? Jedenfalls werde ich mich mit Ratschlägen künftig etwas zurückhalten.

Vorwort

Weshalb heisst Vorwort wohl Vorwort? Weil es vor dem Wort steht, vor dem Wesentlichen? Im Gegensatz zum Grusswort, das einen klaren Auftrag hat, grüssen.

Heute morgen habe ich das Vorwort zum Geschäftsbericht 2025 geschrieben. Ob sich das überhaupt lohnt, liest das jemand? Nun, in einem Meer von Texten und Zahlen eine Brücke zu Ihnen zu bauen, dürfte sich immer lohnen.

Der Auftrag, ein Vorwort zu schreiben, sitzt zwar im Nacken, der Abgabetermin drängt. Er zwingt einen aber auch präziser hinzuschauen, sich zu fragen, was interessieren könnte und was die eigene Botschaft ist.

In einem halben Jahr werden wir zurückschauen, nach der Rechnung folgt der Budgetbericht mit einem neuen Vorwort. Wird dann aus dem Vorwort ein Nachwort?

In jedem Fall haben Sie, geschätzte Bürgerinnen und Bürger, das letzte Wort.

Schwupps

Mein Rennvelo steht im Keller, auf einer Rolle, vor einem Bildschirm. So kann ich bei Mathe-Vorlesungen von Prof. Dr. Edmund Weitz schwitzen, jüngst zum Thema Wahrheit.

Weitz legt die Entwicklung der Wahrheit mit Konzepten, algebraischen Zeichenketten, logischen Folgerungen, Selbstbezügen und Beweisen fundiert aus. Mathematiker von Weltrang haben in den letzten 2 500 Jahren mit ihren Beiträgen unsere Weltsicht geprägt.

Die Vorlesung überfordert mich zeitweise, wie der Rollentrainer, wenn er mehr als 10 % Steigung simuliert. Ebenfalls überfordert mich, wenn im Internet auf sozialen Medien Posts und Kommentare auftauchen, die, schwupps, verschwinden, wenn sie mit echten Tatsachen konfrontiert werden. was ist das – delete, und weg? Ein solches Konzept kommt in Weitz‘ Vorlesung nicht vor. Dafür die Aussage, dass mathematische Konzepte schon wahr waren, bevor wir sie überhaupt kannten.

Auf dem Boden sammeln sich Schweisstropfen, ich rolle aus. Dass Uzwil in den letzten 10 Jahren 92 Projekte 11 % unter KV abgeschlossen hat, kann man ohne Mathe-Studium auf Wahrheit überprüfen, ohne dass sie, schwupps, verschwindet. Fertig trainiert.

98 Prozent

Stehe im Grossverteiler in der Abteilung Waschmittel. Vom guten alten Spülmittel bis zum Breitband-Reiniger, alle stehen in Reih und Glied und warten drauf, gekauft zu werden. Auf den meisten Packungen steht: „innert 14 Tagen zu 98 % biologisch abbaubar“. Und meist wird auf einen OECD-Test verwiesen.

98 %? Das bedeutet auch, dass 2 % nicht abbaubar sind. Ist das viel?

Rechnen wir: Uzwil hat 14 457 Einwohner, ein Haushalt besteht aus etwas mehr als 2 Personen, sind 6 500 Haushalte. Fast überall hats einen Geschirrspüler, der alle 2 bis 3 Tage läuft. Ein Tab für den Spüler hat 20 g, 2 % sind 0,4 g. Und so kommt man drauf, dass übers Jahr gegen eine Tonne Geschirrspülmittel aus Uzwil nicht abgebaut wird.

In verwandtem Kontext lese kürzlich: Mit technologischem Fortschritt werde man Probleme dieser Art schon beheben, so die erste These. Eine zweite ist, dass wir zu genau und zu viel messen und der Staat drum zuviel vorschreibe. Und die dritte These ist, dass unsere Lebenserwartung lang genug sei und der Gewässerschutz drum ausreiche. Folgerung: weniger oder nichts tun, jedenfalls nicht so.

Eine zu 98 % reine Weste ist nicht schlecht. Es bleibt die Frage, was die 2 % sind.

Deal

Sitze im Park vorm Leonhard-Schulhaus in St.Gallen an der Frühlingssonne. In 15 Minuten ist Sitzung beim Kanton. Auf dem Kiesplatz herrscht buntes Treiben, aus Beeten drängen Blumen ans Licht. Sind’s Narzissen?

Die Situation passt nicht zu meiner Grundstimmung. Verärgerung muss raus, an die Sonne, ans Licht. Ursache ist die sich ausbreitende Deal-Mentalität. Sie begegnet mir in regionalen Aufgaben, Kostenteiler-Diskussionen, Projekten von Privaten. Diese Haltung gehört richtig ausgeklopft – Frühlingsputz! Mich stört, dass der gut-schweizerische Kompromiss schleichend durch eine Deal-Mentalität ersetzt werden soll: Wenn’s international geht, weshalb nicht hier? Auch schlechte Vorbilder wirken.

Warum? Der schweizerische Kompromiss ist auf lange Frist, auf Ausgleich angelegt. Das ist Arbeit, erfordert Empathie. Der Deal wittert das schnelle Geschäft, haut ab, bevor sich die Folgen zeigen. Das ist unschweizerische Machtpolitik.

Wozu sich ärgern? Die Sonne ist weitergewandert, hat mich in den Schatten gesetzt, kompromisslos, ohne zu verhandeln.

Zuständig

„Dafür bin ich nicht zuständig. Und Zeit habe ich auch keine!“ Das ist die eine, oft gehörte Botschaft. Die andere ist, dass sich Menschen in Dinge einmischen, für die sie weder zuständig noch qualifiziert sind – und mit einem Augenzwinkern formuliert: das gilt immer nur für die anderen, nie für sich selbst.

Die Schweizer Demokratie hat nicht nur eine ausgeklügelte Gewaltentrennung, sondern auch eine fein austarierte Zuständigkeitsordnung. Der Grundsatz „alle Macht dem Volk“ bedeutet, dass diese Zuständigkeitsordnung über demokratische Prozesse immer angepasst werden kann. Bis dann aber gilt sie. Heisst, dass die heisse Kartoffel nicht beliebig ‚nach oben‘ geschoben werden kann, wenn es Entscheide von grosser Tragweite zu treffen gibt. Und während man bei Volksentscheiden nie nach Verantwortung, Verlässlichkeit und Kontinuität fragen muss, sind gerade diese Qualitäten sehr wichtig in Aufgaben, die gemeinschaftlich gelöst werden sollen.

Tönt alles kompliziert, oder? Man könnte auch sagen: „Jeder mache ordentlich seinen Job, auf dass es der andere auch tue.“ Ganz einfach, bis es schwierig wird, sagt der Gemeindepräsident in mir.

Frisch

Hhhmm, wunderbarer Duft –  zu Hause komme ich oft in den Genuss von frischem Sauerteig-Brot. Die Gläser mit dem Anstellgut aus Mehl und Wasser sind unten im Kühlschrank. So bekomme ich mit, wie die Mikroorganismen umsichtig gehütet, aber nicht verhätschelt werden, auf dass der Sauerteig schön aufgeht und knusprig gebacken werden kann – eine wunderbare Energiequelle.

Später im Büro arbeite ich am ARA-Projekt. Dabei stelle ich zufällig fest: Zwischen der biologischen Abwasserreinigung und einem Sauerteig gibt es viele Parallelen. Beides sind lebendige Prozesse, die geführt sein wollen. Es braucht zum Systemverständnis eine besondere Liebe zu all den beteiligten Mikroorganismen. Nur wer mit ihnen per Du ist, kann man früh und dosiert eingreifen, für die richtige Temperatur sorgen, Struktur und Gasbildung im Griff haben.

Bäcker oder Klärwärter, frisches Brot oder gereinigtes Wasser. Auch wenn die Nase Differenzen meldet, es steht einem immer frei, ob man sich aufs Trennende oder aufs Gemeinsame konzentriert.