Kiste

Allein die Gemeinde zahlt jährlich an die 30 000 Rechnungen. Ein internes Kontrollsystem, IKS, stellt sicher, dass alles korrekt abläuft. Da wird geprüft, ob die Rechnung inhaltlich korrekt ist, Rabatte und Skonto berücksichtigt sind. Dann gibt es eine formelle Kontrolle. Hier werden Zuständigkeit, Kreditkompetenz und -höhe usw. abgeprüft. Und zu guter Letzt kommt die Zahlungsfreigabe. Hat man mit dem Rechnungssteller in anderen Geschäften Differenzen, kann man Forderungen verrechnen usw.? Insgesamt ist’s ein Sechs-Augenprinzip.

Als Gemeindepräsident bin ich in die Freigabe der grösseren Positionen involviert. Das sind Berge von Papier, zahllose digitale Freigabe-Prozesse. Wenn‘s nur die Gemeinde wäre. Da kommen noch regionale Organisationen, Zweckverbände, Vereine dazu, alle mit einem anderen Online-Banking, anderen Regeln.

Erwartung und Anspruch sind, dass alles korrekt läuft. Regeln, Übersicht, Erfahrung oder Vertrauen: manchmal frage ich mich, was einem davor bewahrt, dass man mit einem Bein in der berühmten Kiste steht.

Wahr?

Ob etwas wahr oder falsch ist, ist für unsere Entscheidfindung wichtig. Nicht erst seit es manipulierte Bilder und Texte gibt, fake news, wird an der Wahrheit der Wahrheit gezweifelt – dieser Kaffee ist schon seit mehreren tausend Jahren kalt. Wer sich dennoch fürs Thema interessiert, findet Stoff bei Aristoteles in dessen sophistischen Widerlegungen oder bei Bertrand Russell, der den Satz prägte: „Ich lüge gerade“. Was jetzt? Lügt er, weil er lügt oder lügt er, weil er gar nicht lügt?

Wem die philosophische Herangehensweise zu wenig verlässlich ist: Kurt Gödel bewies 1931 in zwei sogenannten Unvollständigkeitssätzen mathematisch, dass ein widerspruchsfreies System seine eigene Widerspruchsfreiheit oder Konsistenz nicht nachweisen kann.

Ob etwas wahr oder falsch ist, kann man zwar nicht abschliessend feststellen. Im eigenen Lebensraum, den man kennt, überblickt und der auch erreichbar ist, dort kann man sich wenigstens ein eigenes Bild machen, ist weniger auf Informationen Dritter angewiesen. Drum freuts mich, dass sich Menschen für die überblickbare Gemeindepolitik interessieren, im September zur Wahl stellen. Nicht wahr?

Ausgeschieden

Das Wetter bietet täglich unverfänglichen Gesprächsstoff, mit Bekannten wie mit Fremden. Im Gegensatz zu politisch oder sozial heiklen Themen ist das Wetter weitgehend neutral. Alle haben eine Erfahrung, eine Meinung. Und das Wetter ist für viele Berufe relevant, für Aktivitäten aller Art.

Mich persönlich nervt das Wetter. Nicht weil es ist, wie es ist. Es ist nicht zu ändern. Schwitzen oder frieren ist meist eine Frage des Komforts, nicht des Überlebens. Das Wetter nervt mich aktuell, weil es mich hindert, das zu tun, was zu dieser Jahreszeit gehörte. Und es gibt zu den Überschwemmungen viel zu viele Schnecken im Garten.

Man könnte jetzt einige Analogien zur Fussball-Europameisterschaft ziehen, von der Zufälligkeit (des Ausscheidens im Viertelfinal) über die quasi-politische Neutralität bis zur emotionalen Komponente und der so gebildeten nationalen Verbundenheit.

Nun, es sind zwei Small-Talk-Themen weniger. Beim EM-Fussball: leider. Beim Wetter: endlich!

Problem

Kürzlich bin ich dem Spruch begegnet: „Je kleiner das Problem, desto teurer die Lösung!“

Und in der Tat scheint mir, dass wir für kleine Dinge übermässig viel Zeit und Energie aufwenden, müssen. Oft hat das damit zu tun, dass Freiheit etwas kostet. Beispiele: Der Eingriff ins Eigentum ist in der Schweiz nur mit guten Gründen und nach sorgfältiger Gegenüberstellung von öffentlichen und privaten Interessen möglich. Ähnliches gilt für Bildung – sie verschafft Freiheit im Denken und auf dem Arbeitsmarkt – das kostet. Oder im Verkehr, wo kleine Anpassungen hierzulande aufwändig und teuer sind, weil man sich um tausend Details kümmern muss.

Einfache Rezepte sind verlockend, weil schnell zu erfassen, einfach zu verstehen. Ob sie belastbar sind, komplexen Situationen gerecht werden, in unseren Rechtsrahmen passen?

Unsere Demokratie kostet, vor allem Zeit. Und das ist oft das Problem. Weil sie auch für Stabilität sorgt, ist sie gleichzeitig die Lösung.

PS: Das Schulhaus Sonnmatt wirkt gegen ein ‚grosses Problem‘.

1.0

Es gehört zu unserem Zeitgeist, dass wir Versionen zählen: Software, Gesetze, Dokumente, Bezeichnung von Veranstaltungen und vieles mehr. Versionen machen den Fortschritt kenntlich, sind Ausdruck von Entwicklung und Marketing-Mittel.

Version 2.0 meint im gesellschaftlichen Kontext oft „neue Chance“ oder „verbesserte Variante“. Es gibt auch das KV 4.0. Die kaufmännische Ausbildung dauert dann nicht drei, sondern eben vier Jahre. Sie schliesst ein Praktikum in einem fremden Betrieb, einen mehrmonatigen Ausbildungsaufenthalt im Ausland und verschiedene anspruchsvolle Projekte ein. Die Industrie spricht von Version 5.0 und meint damit, dass Roboter und intelligente Maschinen mit Menschen zusammenarbeiten.

Von gewissen Dingen sollte es allerdings keine Version geben! Mir fallen spontan zwei ein: Für Texte wie diesen gibt es keine – halbe Stunde nachdenken, schreiben, fertig. Und für Begegnungen gibt es keine Versionen. Sie können nicht wiederholt werden.

Papier

Lernen ist in jeder Lebenssituation möglich, in jedem Alter. Der chinesische Gelehrte Konfuzius beschrieb vor 2 600 Jahren drei Wege: Nachdenken als edelsten Weg, nachahmen als einfachste Variante und aus Erfahrung lernen als schmerzvollster Weg.

Lernen kann zufällig stattfinden oder strukturiert und geplant. Letzteres besonders in der Volks-, der Berufs-, der Hochschule und der Universität. Ihnen ist ein Abschluss gemein. Vor den Sommerferien werden Diplome verteilt, wird zum Erfolg gratuliert – man und frau freuen sich über den „Fakel“, für den sie lange gearbeitet haben.

Erkenntnis:

Papier hat auch im digitalen Zeitalter den Wert: „Das habe ich gelernt!“

Fusion

Wer sich für die Führung einer Firma, eines Verbands, einer Gemeinde engagiert, verpflichtet sich dieser. Mit Haut und Haaren. Er oder sie unternimmt alles, um „seine“ Organisation gesund in die Zukunft zu führen.

Kann man erwarten, dass Menschen, die mit ganzer Kraft auf eine gesunde Entwicklung hinwirken, den Fortbestand der „eigenen“ Organisation aus freien Stücken in Frage stellen?

Wenn man auf die Gemeindestrukturen schaut, fällt ein Zusammenschluss oft mit der Pensionierung von Gemeindepräsidenten zusammen. Das ist aus dem vorher Gesagten kein Zufall. Ob es allerdings sinnvoll ist? Der Fachkräftemangel wird sich auch in der öffentlichen Hand verstärken. Digitalisierung löst nicht alle Probleme. Und gutes politisches Personal gibts nicht von der Stange.

Der Druck, der zu Veränderungen führt und für sie nötig ist, kann nur schwer von innen heraus entwickelt werden. Weitsicht allein genügt nicht. Es braucht eine gewisse Not, welche die Notwendigkeit erklärt. Wer setzt also am Lebensraum an der Uze das Thema auf die Agenda? Und wem ist die Frage „Weshalb“ zuviel?

Identität

Seit rund 70 Jahren gibt‘s Aromat, das Schweizer Universalgewürz. Es gab eine Zeit, als Aromat auf jedem Restaurant-Tisch stand, in keinem Picknick-Korb fehlte. Die gelbe Dose mit rotem Deckel war das Schweizer Erkennungszeichen im Ausland.

Die Glutamat-Diskussion machte dem Aromat vorübergehend den Garaus. Und wer etwas gegen industriell produzierte Nahrungsmittel hat, dem kommt das auch heute nicht ins Hause. Glutamat ist ein Geschmacksverstärker. Er kommt von Natur aus in Tomaten, Mais, Kartoffeln oder in Erbsen vor. Dieser Stoff ist fürs Leben eigentlich unverzichtbar. Der Körper bildet ihn selbst.

Wie dem auch sei: Neuerdings gibt es auch Aromat ohne Glutamat und vor allem, und das ist Grund dieses Textes, mit Knoblauch. Dass die Eidgenossenschaft diese Kultur-Vermischung nicht verhinderte? Vielleicht liegt es daran, dass der Schweizer Identitätsstifter Aromat dem britisch-deutschen Konzern Unilever gehört. Ich mag die Knoblauch-Version trotzdem, besonders mit Gurken.

Erfahrung

Die eigene Erfahrung ist wertvoll, oft aber nicht relevant fürs Gesamtsystem, siehe Statistik und Wahrnehmungsverzerrungen. Beispiele? Die eigene Schulkarriere oder die Erlebnisse auf einer Notfallstation. Nicht alles, was man selbst erlebt hat, macht eine objektive Betrachtung möglich. Im Gegenteil: Man überschätzt den eigenen Fall.

Wie sorgt eine Gemeinde dafür, dass Erfahrungen vor diesem Hintergrund gut genutzt werden?

Emotionen brauchen eine Adresse. Als Einwohnerin, Einwohner soll man gehört werden können. Gleichzeitig braucht es Distanz, Übersicht, Fakten, um richtig einzuordnen. Ein einzelner Mensch kann das nicht. Drum gibts Gremien wie den Gemeinderat.

Heute Abend habe ich ein Gespräch mit einer Person, die sich für die Rolle ‚Gemeinderat‘ interessiert. Freu mich drauf, auf eine gute Erfahrung.

Fixiert

Auf der Treppe, beim Einkaufen, in einer vollen Gasse, in einem Festzelt, beim Spazieren: Man begegnet Menschen. Da gibt es Situationen, in denen nicht klar ist, wer wem ausweichen soll und wohin.

Kürzlich eine Begegnung mit M. L. im Treppenhaus. Wir wollen gegenseitig ausweichen, verschieben uns parallel, versperren uns den Weg, lachen. Was hier eine lustvoll-spassige Komponente hatte, kann auch bösartig verstanden werden: „Weshalb muss immer ich ausweichen? Bin ich zu nett, zu freundlich, zu nachgiebig, zu unscheinbar, zu klein? Bin ich nicht schon in der vorherigen und der vorvorherigen Begegnung ausgewichen?“

Es kommt vor, dass eine Ausweichbewegung gefühlt eine zuviel ist. Für das Zusammenleben ist das Gleichgewicht wichtig, Vortritt bekommen, Vortritt geben. Das gilt persönlich wie auch als Gesellschaft.

Lösung: ein Ziel in der Ferne fixieren, den Rest besorgt der innere Autopilot. Ausprobieren!