Sehen

Der Mensch hat ein beschränktes Gesichtsfeld. Er sieht seitlich einen Bereich von rund 214°, knapp 70° nach oben und etwa 80° nach unten. Scharf sehen wir allerdings nur grad in einem Bereich von 2°. Ein Auge hat, fotografisch gesprochen, eine Brennweite von etwa 20 mm, funktioniert dennoch ganz anders als ein Fotoapparat. Seine Auflösung wird von 7 Mio Zapfen und 125 Mio Stäbchen bestimmt. Was wir sehen, hängt nicht nur vom Auge und den optischen Gesetzen ab, sondern massgeblich von unserer Hirnleistung: Wir sehen, was wir wissen.

Wann ist ein Bild interessant? Immer dann, wenn wir etwas sehen, das wir noch nicht wussten. Weil das Objekt aus einem Blickwinkel aufgenommen ist, der uns nicht vertraut ist, wie Drohnenaufnahmen. Oder weil das Objekt so unbekannt und deshalb Aufmerksamkeit erheischt.

Fotograf Peter Dotzauer sel. hat Uzwil interessante Bilder geschenkt, aus unbekannten Sichtwinkeln, spannenden Perspektiven. Er hat den Alltag, die Umwelt und die Menschen hier anders gezeigt, als wir sie kannten. Was ich von ihm lerne: Neu sehen gehört zu den täglichen Aufgaben, jetzt auch zum Abschied.

Tafelsilber

Über das Eigentum gibt es philosophische Positionen von Platon über Kant bis Habermas. Ursprung und Herrschaft wurden schon rechtlich beleuchtet. Unser Gesellschafts- und Wirtschaftssystem basiert auf dem tiefen Wunsch nach Eigentum.

Eigentum kann ermöglichen oder Veränderungen im Weg stehen. Drum lohnt es sich, den Wert von Eigentum für sich selbst zu definieren: Was muss ich und was will ich haben? Und mit welcher Haltung soll die Gemeinschaft agieren? Eher nach Aristoteles: „Was es alles gibt, was ich nicht brauche.“ Nach der Ordensregel des heiligen Benedikt, wonach keiner etwas zu Eigentum habe. Oder nach Prof. Tony Honoré, der mit dem Eigentum elf Rechte und Pflichten verknüpft.

Ohne Eigentum weniger Gewinn, mehr Verlustangst, weniger Unterhalt. Die Gemeinde hat ein paar Hektaren Bauland im Rossmoss. Tafelsilber, nicht baureif, aber wertvoll. In Erwartung, dass bald einmal darüber debattiert werden wird: Mit Eigentum muss man sich auseinander setzen. Das kann zu Auseinandersetzungen führen.

Begriff

Schwierige Wörter und Fachbegriffe wirken abschreckend: wer versteht schon „Gemeindeautonomie“. Weshalb soll das für mich wichtig sein? Ob man sich interessiert hängt davon ab, ob man etwas hinter einem Begriff erahnen kann, sich betroffen fühlt.

Probe aufs Exempel: Gibt es etwas, das Sie neugierig auf „Gemeindeautonomie“ macht? Wohl kaum. Hauptsache, der Staat funktioniert. Es liegt in der Natur der Sache, dass man sich erst interessiert, wenn es eben nicht funktioniert, jedenfalls nicht wie mans gern hätte.

IGemeindeautonomie ist für Sie aus einem bestimmten Grund wichtig: Sie haben die Chance, dass man „sich zwei Mal im Leben sieht“. Die Bundesrichterin, der kantonale Funktionär, die Zöllnerin usw. entscheidet, ordnet an, verfügt, veranlagt – und geht.

Auf Gemeindeebene trifft man sich in anderer Sache wieder. Wer im ersten Fall oben war, ist im zweiten unten, und umgekehrt. Dies zu wissen, sorgt gegenseitig für Augenmass und Respekt, alle kommen besser weg. Anlass genug, um sich mit der Gemeindeautonomie zu befassen?

Kopieren

Kopieren ist oft das Werk eines Einzelnen. Sie malt einen Rembrandt nach, er zieht eine Kopie einer Diplomarbeit. Geht’s um Geld, geschiehts meist im Verborgenen. Fälschen und kopieren kann auch nationales Konzept sein. Konfuzius dazu: „Wer das Werk kopiert, ehrt den Meister!“ Aus heutiger Sicht ist das Diebstahl zu höherer Kunst erheben.

Um so wichtiger: Was lässt sich nicht so leicht kopieren? Gesellschaftliche Leistungen. Wie z.B. die Berufsbildung – da steckt ein ganzes Wertesystem dahinter. Ausbilden, damit die Konkurrenz abwirbt? Wer’s trotzdem tut, hat Selbstvertrauen, signalisiert „wir können mithalten“. Ab dem ersten Tag den Realitäten der Wirtschaftswelt erleben, das kann die Berufslehre besser als jedes Studium. Die Berufsschule verbindet dazu Theorie und Praxis. Das sorgt für Unabhängigkeit. Der junge Mensch kann das Gelernte in der ganzen Branche einsetzen. Weshalb funktionierts? Wer diese Erfahrung machen durfte, gibt Wissen aus innerer Überzeugung weiter. Und ist wachsam. Genau das braucht unsere Berufsbildung.

Lucas Keel

PS: Kopiert? Ja, aus dem Vorwort des Geschäftsberichts!

Scharte

Ein sauberer Schnitt ist vielerorts gefragt. In der Medizin, in der Küche, beim Arbeiten mit Holz oder Metall, beim Mähen und generell im Garten. Dazu brauchts scharfes Werkzeug.

Schärfen braucht Mut, finde ich. Das teure Japan-Messer am nassen Schleifstein wetzen? Die Sense dengelen? Wenn das daneben geht, das Werkzeug kaputt ist?

Ja, man muss sich ein Herz fassen, zum Schärfen. Es führt kein Weg dran vorbei. Stumpfes Werkzeug ist keine Alternative. Das bestätigt auch meine jüngste Erfahrung: Mähen mit der Sense. Es lohnt sich nicht, mit dem Wetzen zuzuwarten. Das gibt nicht nur „Schnäuze“. Es ist auf Dauer zu anstrengend.

Noch schwieriger als schärfen ist eine Scharte auswetzen. Mit Material „aus der Nachbarschaft“ eine Lücke so schliessen, dass sie nicht noch grösser wird – hohe Kunst.

Wenn man im Internet nach ‚Scharte auswetzen‘ sucht, findet man viel zur Redewendung, aber kaum praktische Hilfe – genau so sind Scharten.

Komplex

Wer hat eigentlich die schwierigste Führungsaufgabe? Da wäre einmal die erste Herausforderung, sich selbst zu managen. Als zweites folgt der Unternehmer. Er muss zusätzlich Mitarbeitende und Kunden einbeziehen. Wichtige Motoren für den Erfolg sind Ideen und Geld. Die dritte Stufe hat die Gemeindepräsidentin. Sie ist zusätzlich zum Unternehmer direkt für die Gesellschaft und die Umwelt verantwortlich, zählt auf bezahltes und freiwilliges Personal. Die vierte Stufe sehe ich beim Schulpräsidenten. Er muss mit seiner Organisation die Menschen „verbessern“. Und der Olymp? Der gehört der Kirchenpräsidentin. Zu allen personellen, wirtschaftlichen, ökologischen, infrastrukturellen und vielen weiteren Themen muss sie für die spirituelle Ausrichtung sorgen.

Wie ist die Rolle des Kantonsratspräsidenten in diesem Modell einzuordnen? Das erfahren Sie am kleinen Festanlass vom Montag, 7. Juni 2021, ab 19 Uhr auf der Sportanlage Rüti, Henau. Bruno Cozzio ist der erste und einzige Uzwiler, der diese Rolle je inne hatte.

Ergreifen

Eine Bürgerversammlung lebt von den Bürgerinnen und Bürgern. Ihre Präsenz, ihre Wortmeldungen machen die Bürgerversammlung unberechenbar, spannungsgeladen, manchmal gibts zu schmunzeln. Bei aller Sachlichkeit und Bürgerpflicht, man geht auch wegen des potenziellen Unterhaltungswerts.

Vor vielen Leuten reden, schlüssig argumentieren, Rahmenbedingungen und Zuständigkeiten beachten, das ist nicht jedermanns und -fraus Sache. Es braucht Mut und ein gewisses Sendungsbewusstsein.

Wenn man die Gemeindepräsidenten der Region fragt: jede Gemeinde hat ihre bekannten Protagonisten, die den Bürgerversammlungen die gewisse Würze geben. Man muss sie nicht mögen. Aber wenn sie nicht da sind, vermisst man sie. Uzwil wird Armin Benz sel. fehlen.

Am Montag ist Bürgerversammlung – ich freue mich auf Sie.

Lucas Keel,

Gemeindepräsident

PS: Wenn Sie das Wort ergreifen wollen, sagen Sie’s mir. Ich unterstütze Sie gern.

Nett

Kennen Sie so richtig von Herzen nette Menschen? Ich meine nicht die gelernte, absichtsmotivierte Nettigkeit, sondern jene, die von innen heraus kommt. Was zeichnet diese Menschen aus? Mir kommen Begriffe wie ehrlich, im Moment seiend, authentisch, lebendig, wohlwollend, geduldig, in den Sinn.

Einige Leute werden sich fragen, was das überhaupt bringt, nett zu sein. Tja, mit dieser Frage sind sie für diese Eigenschaft wohl bereits verloren. Andere beginnen zu zählen: sind zwei, drei, zehn, hundert wirklich nette Menschen in meinem Umfeld? Die Frage, wie man denn selbst wohl wahrgenommen wird, liegt ebenfalls nahe.

Echt nett sein beruht gerade nicht auf Gegenseitigkeit und kann auch nicht eingefordert werden. Dafür besteht die Chance, dass Sie sind, was andere gern wären. Ich arbeite dran, auch für das Gemeinwesen.

Zeiträume

Was ist strategisch, was ist operativ? Diese Diskussion endet schnell in einem Streit um den Status: Wer will schon ‚nur‘ operativ tätig sein? Und das ist auch niemand. Auch unsere Lernenden haben ihre Strategien, verfolgen eigene Ziele.

Besser als über strategisch und operativ zu debattieren finde ich, nach Zeiträumen zu unterscheiden.

Person 1 soll den heutigen Tag und die kommende Woche im Griff haben – das ist sehr wichtig. Klappt das nicht, kann Person 2 ihre Aufgabe nicht wahrnehmen. Sie soll den kommenden Monat und das laufende Jahr überblicken. Auf dass Person 3 sich darauf konzentrieren kann, in Jahren und Jahrzehnten zu denken.

Zu all diesen Zeiträume gehören wiederkehrende und einmalige Aufgaben, die alle erledigt sein wollen.

Wozu in Zeiträumen denken? Um Debatten mit mehr Respekt zu führen. Keine Zeit ist wichtiger als die andere.

Postfach

Die Post verlegt die Postfächer und verändert deren Bedienung. Neu sollen die Postfächer nicht mehr in aller Herrgottsfrühe, sondern erst um 9 Uhr bedient sein. So weit, so schlecht.

Die physischen Postfächer sind ein auslaufendes Geschäftsmodell. Die digitalen Postfächer hingegen überquellen. Spielt das eine Rolle?

Nein. Die Menge an Informationen, die ein Mensch verarbeiten kann, hat wenig mit dem Kanal zu tun, auf dem sie eintreffen. Ein Mensch kann sich zwischen 4 und 6 Stunden je Tag konzentrieren – so die moderne Arbeitsforschung. Und schnell Antwort geben, war immer möglich. Ein Gemeinderatsschreiber alter Schule schrieb schon von 25 Jahren Mails. Er spannte den Brief des Absenders in seine Schreibmaschine, schrieb unten drauf „Bin einverstanden, Gruss Albert“ und zurück die Post.

Was tun wir in der übrigen Zeit? Kommt drauf an, wer fragt. Ob digital oder physisch, richtig belastend ist, wenn das Postfach länger leer bleibt. Dazu ein Zitat aus ‚Globi bi dä Post‘: „Wotsch en Brief, denn schrieb en Brief!“